
Wir hatten heute gute 100 Kilometer vor uns. Das klingt erst einmal überschaubar, aber auf der Albanischen Riviera bedeuten 100 Kilometer viele Serpentinen, langsame Fahrzeuge und vor allem ständig neue Gründe, irgendwo anzuhalten. Von Borsh ging es zunächst nach Himarë und anschließend über den Llogara-Pass nach Vlorë.
Ein letzter Morgen über dem Meer
Wir ließen den Tag langsam angehen und frühstückten noch einmal ausgiebig – gefühlt direkt über dem Meer. Danach ein letzter Blick auf die Riviera bei Borsh, Sachen ins Cabrio und los. Wobei „los“ zunächst wieder bedeutete, die fünf Kilometer Sandpiste von unserer Unterkunft bis zur Hauptstraße zurückzufahren.

Nach ein paar Kurven sahen wir ein Schild zu einer Olivenölmühle. Da uns das albanische Olivenöl bisher ausgesprochen gut geschmeckt hatte, wollten wir natürlich ein kleines Muster mit nach Hause nehmen. Also kurzerhand angehalten. Bei 23 Euro pro Liter mussten wir allerdings erst einmal schlucken – und nahmen dann tatsächlich nur ein Muster mit.
Ganz aus der Luft gegriffen ist der Preis für ein gutes Öl aus dieser Gegend allerdings nicht. Oliven gehören seit Jahrhunderten zur Landschaft der Riviera. Rund um Dhërmi, Himarë, Qeparo und Borsh liegen alte, teilweise terrassierte Olivenhaine. Eine der typischen Sorten ist Kalinjot, die besonders an der Küste um Vlorë verbreitet ist; in Himarë gibt es außerdem die lokale Sorte Ulliri i hollë i Himarës. Gerade kleinere Mühlen produzieren also durchaus etwas anderes als anonyme Massenware. Ob das gleich 23 Euro pro Liter rechtfertigt, dürfen unsere Geschmacksnerven zu Hause entscheiden.

Kurz vor Himarë tauchte dann das nächste interessante Fabrikgelände am Straßenrand auf. Wieder so ein Ort, bei dem wir uns sofort fragten: Was war das einmal? Eine eindeutige Antwort ließ sich auch nachträglich nicht finden. Die zweistöckigen Gebäude sahen weder nach den typischen Stallanlagen einer Massentierhaltung aus noch ließ sich eine bestimmte Produktion erkennen. Für eine Fischverarbeitung lag das Gelände zudem erstaunlich weit vom Meer entfernt.
Eine weitere Möglichkeit wäre eine Anlage zur Verarbeitung von Reststoffen aus der Olivenölproduktion gewesen. Beim Pressen bleiben große Mengen Oliventrester zurück – Fruchtfleisch, Schalen, Kerne, Wasser und immer noch ein Rest Öl. Solcher Trester kann weiterverarbeitet werden, unter anderem zur Gewinnung von Tresteröl oder als Brennstoff. Gerade in einer Region voller Olivenhaine wäre ein zentraler Verarbeitungsbetrieb also grundsätzlich plausibel. Auch solche größeren, zentral organisierten Agroindustriebetriebe passten durchaus zur Wirtschaftslogik der sozialistischen Zeit. Einen Beleg dafür, dass genau diese Fabrik tatsächlich Oliventrester verarbeitet hat, haben wir allerdings nicht gefunden. Es bleibt also eine weitere Theorie für einen jener verlassenen Industriebauten, die nach dem Ende der sozialistischen Wirtschaftsstrukturen ihre Funktion verloren haben.

Himarë – etwas mehr Platz am Strand
In Himarë legten wir noch einmal einen Kaffeestopp ein und liefen ein Stück die Promenade entlang. Gefühlt nahm das Gewusel am Strand immer weiter ab, je weiter wir uns von Sarandë entfernten. Dort lagen die Menschen wirklich noch dicht an dicht zwischen den Sonnenliegen. In Borsh hatte sich alles schon deutlich aufgelockert und hier in Himarë gab es sogar zwischen den Liegenreihen Platz für private Handtücher. Auch die Promenade lud tatsächlich zum Spazierengehen ein.
Die Riviera ist dabei weit mehr als eine Reihe neuer Badeorte. Zwischen dem Ionischen Meer und den steil aufragenden Bergen liegen alte Dörfer, Burgen, Kirchen und jahrhundertealte Oliventerrassen. Himarë selbst blickt auf eine sehr lange Geschichte zurück; die alte Siedlung mit ihrer Burg oberhalb der heutigen Küstenstadt wurde über Jahrhunderte von unterschiedlichen Kulturen geprägt. Heute spielt sich das touristische Leben überwiegend unten am Meer ab. Genau dieser Gegensatz zieht sich entlang der gesamten Riviera: oben die alten Dörfer und Olivenhaine, unten Strandbars, Hotels und immer mehr Neubauten.

Zwischen Meer und Fels zum Llogara-Pass
Hinter Himarë wurde die Strecke noch einmal richtig schön. Die Straße zieht sich zwischen alten Olivenhainen, mediterraner Vegetation und bewaldeten Hängen immer höher über dem Meer entlang. Dazwischen öffnen sich ständig neue Blicke auf kleine Buchten und das tiefblaue Ionische Meer. Wir hielten entsprechend oft an – mit einem Cabrio ist man ohnehin mehr integriert.
Gleichzeitig ist kaum zu übersehen, wie schnell sich die Küste verändert. Rund um Dhërmi und Palasë entstehen neue Hotels, Apartmentanlagen und große Ferienresorts. Green Coast unterhalb des Passes ist dafür wohl das auffälligste Beispiel. Noch gibt es lange Abschnitte mit Olivenhainen und weitgehend unverbauten Hängen, aber die Riviera befindet sich sichtbar mitten in einem Bauboom.

Lamm im Llogara-Nationalpark
Oben änderte sich die Landschaft fast schlagartig. Aus mediterraner Küste wurde Bergwald. Der Llogara-Nationalpark verbindet steile Felslandschaften mit Wald, Wiesen und Weideflächen und ist entsprechend beliebt bei Wanderern. Tatsächlich beginnen direkt an der Passregion mehrere Wanderwege. Einer davon trägt sogar den Namen Julius-Caesar-Trail: Der Überlieferung nach zog Caesar hier 48 vor Christus über das Gebirge, als er im römischen Bürgerkrieg Pompeius verfolgte.

Mindestens ebenso auffällig wie die Wanderwege waren für uns allerdings die vielen Restaurants direkt an der Straße. Wir hatten uns vorher bei Google eines mit 4,9 von 5 Punkten ausgesucht und kehrten dort ein. Spezialisiert war man auf Ziege und Lamm vom Grill beziehungsweise vom Spieß. Leider war der Spieß noch nicht fertig, also gab es für mich gegrilltes Lamm – ausgesprochen lecker und kräftig mit Kräutern gewürzt. Angela nahm einen ebenfalls mit vielen Kräutern gewürzten Grillteller mit Auberginen, Zucchini und Paprika.

Die Bierauswahl war etwas eingeschränkt, aber immerhin gab es ein dunkles Korça. Damit ließ es sich unter den Bäumen ziemlich gut aushalten.

Neue Straße, alte Straße – und plötzlich Beton
Nach dem Essen fuhren wir auf der Nordseite des Passes wieder hinunter. Schon von weitem waren die Portale des neuen Llogara-Tunnels zu erkennen. Der knapp sechs Kilometer lange Tunnel wurde erst im Juli 2024 eröffnet und erspart den meisten Reisenden inzwischen die Fahrt über den Pass. Neben dem eigentlichen Straßentunnel verläuft eine zweite Röhre als Rettungstunnel.
Wir wollten allerdings nicht einfach auf der neuen Trasse weiterfahren und blieben zunächst auf der alten Landstraße. Die war tatsächlich nicht mehr überall besonders gut in Schuss. Es gab einige Schlaglöcher – und, wie uns in Albanien schon öfter aufgefallen war, immer wieder aufgegebene Tankstellen.

Überhaupt gibt es in Albanien auffallend viele kleine Tankstellen – und erstaunlich viele Anlagen, die irgendwann einfach aufgegeben wurden. Einen einzigen Grund dafür gibt es nicht. Sobald eine neue Straße den Durchgangsverkehr übernimmt, kann ein Standort an der alten Strecke praktisch über Nacht seine Kundschaft verlieren. Dazu kommen Betreiberwechsel und der Wettbewerb zwischen einer Vielzahl kleiner und großer Anbieter. Gerade hier rund um Dukat konnte man gut sehen, was eine völlig neue Straßenführung mit der alten Infrastruktur macht.
Google wollte uns zwar ständig auf die neue Straße schicken, zeigte gleichzeitig aber die alte Strecke weiterhin als durchgängig an. Also fuhren wir an der ersten Verbindung zur neuen Trasse vorbei. Die nächste Kreuzung sollte laut Navigation vier Kilometer später kommen.
Nach etwa dreieinhalb Kilometern war dann allerdings eindeutig Schluss. Kein Schlagloch, kein fehlendes Stück Asphalt, sondern eine massive Betonabsperrung quer über die Straße. Weiterfahrt unmöglich.

Für genau diese Betonsperre ließ sich auch nachträglich keine belastbare offizielle Erklärung finden. Plausibel ist aber der Zusammenhang mit der kompletten Neuordnung der Straßen rund um den Llogara-Tunnel: Die Zufahrt zwischen Orikum und Dukat wurde neu trassiert, und selbst 2025 wurden noch weitere Verbindungsstraßen rund um den Tunnel ausgeschrieben beziehungsweise gebaut. Google war mit der Realität offenbar einfach noch nicht ganz fertig.
Also zurück und doch auf die neue Straße. Dort ging es anschließend zügig Richtung Vlorë. An einigen Steigungen gibt es zusätzlich eine Überholspur, sodass aus zwei Fahrstreifen vorübergehend drei werden. Die ausgeschilderte Geschwindigkeit wechselte trotzdem häufig zwischen 40 und 60 km/h. Einige Fahrer lösten das Kurvenproblem auf ihre eigene Art und fuhren möglichst mittig zwischen den Fahrbahnmarkierungen – offenbar spart das Lenkarbeit.
Auch landschaftlich war der Wechsel interessant: Unten im Tal rund um Dukat und Orikum standen wieder Olivenbäume und andere mediterrane Vegetation, während darüber die hellen, fast kahlen Kalksteinflanken des Gebirges aufragten. Grün unten, karg oben – ein ziemlich scharfer Kontrast auf wenigen Kilometern.

Vlorë im Kiefernschatten
In Vlorë hatten wir ein kleines Apartment etwas außerhalb des Zentrums gebucht, ungefähr 2,5 Kilometer vom Hafen entfernt. Was wir bei der Buchung nicht bemerkt hatten: Es lag praktisch direkt am Plazhi i Vjetër, dem Alten Strand, und an der alten Uferpromenade.
Schon die Zufahrt war angenehm. Entlang des alten Strands zieht sich ein grüner Gürtel aus hohen Kiefern, deren Kronen teilweise über der Straße zusammenwachsen. Nach den heißen und meist schattenlosen Straßen der letzten Tage war es geradezu luxuriös, mit offenem Cabrio unter einem natürlichen Sonnendach nach Vlorë hineinzufahren.

Die Unterkunft war schnell gefunden und zu unserer besonderen Freude gab es sogar eine Waschmaschine. Nach knapp zwei Wochen, viel Hitze und entsprechend viel Schweiß war unser Vorrat an frischer Wäsche doch ziemlich zusammengeschrumpft. Einiges hatten wir zwischendurch per Hand gewaschen, aber eine richtige Maschine war inzwischen echter Luxus. Also hieß es erst einmal: Waschtag.

Als es etwas kühler geworden und die Wäsche aufgehängt war, machten wir uns auf den Weg. Unser Vermieter hatte noch gefragt, ob wir zum Strand wollten. Wir waren etwas überrascht, dass es hier überhaupt einen richtigen Strand gab, aber nach wenigen Schritten durch die Kiefernallee tauchte schon das erste Schild zu einer „Relax Beach Bar“ auf.
Also erst einmal dorthin, ein bisschen Sommerfeeling und eine Erfrischung genießen. Angela wollte ursprünglich nicht durch den Sand laufen, aber der Strand erwies sich als feinsandig und direkt am Wasser war der Sand so fest, dass man problemlos laufen konnte. Weniger praktisch wurde es am Ende: Der Strand reicht fast bis an den Hafen, und dort wurde es zunehmend ungepflegt. Eine Dusche oder wenigstens eine Möglichkeit, die Füße abzuspülen, fanden wir nicht. Also mussten die sandigen Füße irgendwie zurück in die Flip-Flops – eine Entscheidung, die sich ein paar Kilometer später noch rächen sollte.

Eine Schnitzeljagd zur albanischen Unabhängigkeit
Unser erstes eigentliches Ziel war das Nationalmuseum der Unabhängigkeit. Der Weg dorthin kam allerdings einer kleinen Schnitzeljagd gleich. Die Hafengegend wird derzeit komplett umgekrempelt, Straßen und Wege sahen in der Realität anders aus als bei Google und immer wieder standen wir vor einer Baustelle.
Schließlich stand das kleine Museumsgebäude fast allein in einem neu angelegten Park, ringsherum Baustelle. Im Museum selbst waren wir zunächst die einzigen Besucher und hatten sofort das Gefühl, freudig erwartet worden zu sein. Drei Mitarbeiterinnen waren da, und eine von ihnen nahm sich unserer besonders begeistert an.

Nachdem ich gefragt hatte, warum ausgerechnet dieses etwas verloren wirkende Haus das Nationalmuseum der Unabhängigkeit beherbergt, hatte ich offenbar den richtigen Knopf gedrückt. Es folgte ein Informationsschwall, den wir kaum noch vollständig verarbeiten konnten.
Die Kurzfassung: Das Gebäude gehörte ursprünglich zum Hafenbereich und diente zunächst als Quarantänegebäude und Krankenstation für die Seeleute. Nach der Unabhängigkeit wurde es Sitz der provisorischen Regierung unter Ismail Qemali. Heute beherbergt es das Nationalmuseum der Unabhängigkeit, das bereits 1936 gegründet wurde und damit als erstes Nationalmuseum Albaniens gilt. Und, so erklärte uns unsere begeisterte Führerin, das kleine Haus sei eines der letzten Zeugnisse der ursprünglichen Bebauung dieses alten Hafenbereichs.
Warum Vlorë für Albanien so wichtig ist, liegt am 28. November 1912. Während des Ersten Balkankrieges zerfiel die osmanische Herrschaft auf dem Balkan immer schneller. Albanische Delegierte aus verschiedenen Landesteilen kamen deshalb in Vlorë zusammen und erklärten unter Führung von Ismail Qemali die Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich. Kurz darauf wurde eine provisorische Regierung gebildet. Nach mehr als vier Jahrhunderten osmanischer Herrschaft begann damit der moderne albanische Staat – auch wenn die internationale Anerkennung und vor allem die Festlegung seiner Grenzen noch folgten.
Verwundert hat mich auch, wie wenig Zeit Ismail Qemali selbst noch von dem Staat blieb, dessen Gründung so eng mit seinem Namen verbunden ist. Er starb bereits im Januar 1919 in Perugia in Italien, also nur gut sechs Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung. Ganz so jung, wie ich zunächst dachte, war er allerdings nicht: Qemali wurde 1844 geboren und war bei seinem Tod etwa 74 Jahre alt. Als Todesursache wird meist ein Herzinfarkt genannt. Bis heute gibt es daneben Geschichten und Vermutungen, er könne vergiftet worden sein – einen Beweis für einen unnatürlichen Tod gibt es jedoch nicht.
Und auch politisch wurde es nach 1912 erst einmal alles andere als geradlinig. Schon 1914 setzten die europäischen Großmächte den deutschen Prinzen Wilhelm zu Wied als Fürsten Albaniens ein. Sein Fürstentum hielt allerdings nur wenige Monate; im September 1914 verließ er das Land wieder. Es folgten der Erste Weltkrieg, ausländische Besetzungen und mehrere Jahre politischer Unruhe. 1925 wurde Albanien offiziell Republik und Ahmet Zogu ihr Präsident. Nur drei Jahre später änderte er die Staatsform erneut: Am 1. September 1928 wurde aus der Republik das Königreich Albanien und aus Präsident Zogu König Zog I. Die kurze Antwort auf meine Frage, wann Albanien nach der Unabhängigkeit zur Monarchie wurde, lautet also eigentlich zweimal: kurz als Fürstentum 1914 und dann dauerhaft als Königreich von 1928 bis zur italienischen Besetzung 1939.
Und nachdem wir nun ohnehin schon so tief in der Geschichte steckten, verstehe ich die bis heute komplizierte Problematik um den Kosovo ein Stück besser. Bei der Unabhängigkeit Albaniens kamen Delegierte aus verschiedenen albanisch besiedelten Regionen zusammen; auch Vertreter aus dem Kosovo gehörten zur albanischen Nationalbewegung und zur Versammlung in Vlorë. Damit hatten sich diese Gebiete aber nicht einfach „freiwillig Albanien angeschlossen“ – die Grenzen des neuen Staates standen zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch nicht fest. Erst 1913 legten die europäischen Großmächte fest, wie Albanien tatsächlich aussehen sollte. Dabei blieben große albanisch besiedelte Gebiete außerhalb der neuen Staatsgrenzen. Der heutige Kosovo fiel nach den Balkankriegen überwiegend an Serbien, andere albanisch besiedelte Regionen lagen fortan im heutigen Montenegro, Nordmazedonien und Griechenland. Entscheidend war dabei weniger eine klare Trennung nach Religion oder Volkszugehörigkeit als ein machtpolitischer Kompromiss zwischen den Interessen der Balkanstaaten und der europäischen Großmächte. Wenn man diese Vorgeschichte kennt, wird zumindest verständlicher, warum die damaligen Grenzziehungen bis heute in der albanischen und kosovarischen Erinnerung eine so große Rolle spielen.
Mittlerweile hatte sich das Museum übrigens gefüllt. Vielleicht lag es daran, dass es draußen langsam kühler wurde. Nach einem letzten Foto für den Instagram-Account des Museums verabschiedeten wir uns und machten uns auf den Weg zum Unabhängigkeitsdenkmal.
Vom Hafen zum Flaggenplatz
Mittlerweile dämmerte es, die Temperatur wurde angenehmer und die Straßen füllten sich. Zum Denkmal waren es noch ungefähr zwei Kilometer über den breiten Bulevardi Ismail Qemali, der den Hafenbereich mit dem historischen Zentrum verbindet. Der Boulevard wurde in den vergangenen Jahren umfassend erneuert und das Ergebnis ist kaum zu übersehen: breite Gehwege, viele Sitzgelegenheiten, Bäume, moderne Geschäfte und immer wieder Kunst und kleine Monumente.
Stellenweise hätte das auch irgendeine andere moderne Großstadt sein können. Mich erinnerte die Straße ein wenig an die Orchard Road in Singapur – nur mit deutlich weniger exklusiven Geschäften und natürlich in einer etwas entspannteren albanischen Version.

Zwischendrin tauchten dann aber immer wieder Hinweise auf die Vergangenheit auf. Denkmäler, Skulpturen und öffentliche Plätze begleiten den Weg durch die Stadt – manches aus sozialistischer Zeit, anderes deutlich jünger. So wurde aus unserem eigentlich simplen Weg zum Flaggenplatz fast nebenbei noch ein kleiner Stadtrundgang.

Schließlich erreichten wir den Sheshi i Flamurit, den Flaggenplatz. Hier steht das monumentale Unabhängigkeitsdenkmal, in dessen Mittelpunkt Ismail Qemali steht. Es erinnert nicht nur an ihn, sondern an die gesamte Unabhängigkeitsbewegung von 1912. In diesem Bereich befand sich auch das historische „Haus der Flagge“, das eng mit Qemali und dem Hissen der albanischen Flagge am 28. November 1912 verbunden ist. Das ursprüngliche Gebäude existiert heute nicht mehr – der Platz selbst ist dafür umso stärker zum nationalen Erinnerungsort geworden.

Altstadt, Flaschenbier und der lange Weg nach Hause
Nachdem wir mittags schon sehr gut gegessen hatten, wollten wir abends eigentlich nur noch ein kühles Bier in der Altstadt trinken. Wobei „Altstadt“ in Vlorë etwas anderes bedeutet als in Berat oder Gjirokastër. Der historische Kern rund um die Muradie-Moschee und die Rruga Justin Godard wurde in den vergangenen Jahren umfangreich restauriert. Die Muradie-Moschee selbst stammt aus dem 16. Jahrhundert. Rundherum stehen niedrige, farbig restaurierte Häuser, in denen heute vor allem Cafés, Bars und Restaurants sitzen.

Unser Eindruck „eher Kneipenviertel als Altstadt“ war also gar nicht so falsch. Leider fanden wir trotzdem nur Flaschenbier. Dafür waren wir mittlerweile zu anspruchsvoll geworden und hielten uns entsprechend kurz.
Wir hatten zunächst überlegt, für den Rückweg ein Taxi zu nehmen. Immerhin waren wir inzwischen schon rund fünf Kilometer gelaufen und selbst der diagonale Rückweg zur Unterkunft wurde noch mit 3,8 Kilometern angegeben. Als wir allerdings den Verkehr sahen, kamen wir zu dem Schluss, dass wir zu Fuß wahrscheinlich kaum langsamer sein würden.
Unsere Füße waren anderer Meinung. Vor allem der Sand unter den Bändern der Flip-Flops beziehungsweise Sandalen begann inzwischen ordentlich zu scheuern. Trotzdem liefen wir los. „Diagonal“ bedeutete laut Google allerdings nicht unbedingt „auf schönen Straßen“, sondern eher quer durch Vlorë. Wir landeten in kleinen Nebenstraßen, auf Schotterwegen und schließlich in dunklen Gassen, bei denen Angela mir bereits ankündigte, dass wir jetzt aber wirklich umkehren würden.
Bedrohlich fühlte sich das trotzdem zu keinem Zeitpunkt an. Das passt auch zu unserem bisherigen Eindruck von Albanien: Wir haben uns auf dieser Reise praktisch überall sicher gefühlt, auch abends. Die offiziellen Reisehinweise beschreiben die Lage im Land insgesamt als ruhig und Gewalt bei Klein- und Straßenkriminalität als selten. Aufpassen sollte man trotzdem – gerade an touristischen Orten und Stränden sind Taschendiebstähle oder Einbrüche in Fahrzeuge natürlich auch in Albanien möglich. Also derselbe gesunde Menschenverstand wie anderswo auch: Wertsachen nicht herumliegen lassen und in Menschenmengen auf die Taschen achten. Mein persönliches Bauchgefühl ist ohnehin, dass man aus solchen Vorfällen kaum ableiten kann, ob die Täter Einheimische oder selbst nur Zugereiste sind. Für uns jedenfalls war das Bild nach inzwischen fast zwei Wochen eindeutig: sehr viele freundliche und hilfsbereite Begegnungen und nicht eine Situation, in der wir uns wegen anderer Menschen wirklich unsicher gefühlt hätten.
Unser größtes Problem an diesem Abend waren jedenfalls weder Kriminelle noch dunkle Gassen, sondern unsere inzwischen ziemlich malträtierten Füße. Schweißgebadet schafften wir es schließlich doch zurück zur Unterkunft. Dort wartete im Kühlschrank noch frisches Bergquellwasser, das wir mittags am Llogara-Pass abgefüllt hatten. Nach fast neun Kilometern zu Fuß fühlte sich das tatsächlich besser an als jedes Bier.




