Nach unserer Fahrt quer über den italienischen Stiefel und dem Abstecher an die Amalfiküste stand heute ein Ort auf dem Programm, den wir schon lange einmal mit eigenen Augen sehen wollten: Pompeji. Unser Quartier lag günstig genug, um das Auto stehen zu lassen und zu Fuß zum Eingang zu gehen. Auf dem Rückweg haben wir diese Entscheidung jedes Mal kurz bereut – am Ende waren wir aber auch ein bisschen stolz auf unsere knapp 30.000 Schritte.

Eine Stadt, die einfach stehen blieb
Bei Pompeji denkt man zuerst an den Vesuv und an eine Stadt, die von Lava verschluckt wurde. Ganz so war es allerdings nicht. Die Lava erreichte Pompeji beim verheerenden Ausbruch im Jahr 79 n. Chr. nicht. Zunächst regneten Bimsstein und Asche auf die Stadt herab, später rasten pyroklastische Ströme vom Vesuv herunter – extrem heiße Gemische aus Gas, Asche und Gesteinsbrocken, die sich mit hoher Geschwindigkeit über den Boden bewegen. Sie waren für die Menschen wesentlich gefährlicher als ein langsam fließender Lavastrom.
Ausgerechnet diese Katastrophe sorgte gleichzeitig dafür, dass ungewöhnlich viel erhalten blieb. Häuser, Straßen und Gegenstände verschwanden unter meterhohen Ablagerungen und wurden damit für viele Jahrhunderte von der Außenwelt abgeschlossen.
Schon nach den ersten Metern wurde uns klar, wie groß das Gelände tatsächlich ist. Pompeji ist eben keine Ansammlung einiger ausgegrabener Häuser, sondern eine komplette römische Stadt mit Straßen, Plätzen, Geschäften, Wohnhäusern, Tempeln und Badeanlagen.
Aufgrund des hohen Besucherandrangs und der vielen Reisegruppen versuchten wir von Anfang an, den großen Besucherströmen auszuweichen. Dank jahrelanger Freizeitparkerfahrung 😜 wussten wir ja ungefähr, wie das funktioniert: nicht einfach allen hinterherlaufen, sondern lieber in ruhigere Nebenstraßen abbiegen.

Gerade diese Details machten Pompeji für uns interessanter als die großen Monumente allein. Ein Mosaik im Eingang, ein Stück Wandputz, eine Schwelle oder ein Wasserbecken erzählen manchmal mehr vom Alltag vor fast 2.000 Jahren als eine monumentale Säulenreihe.
Forum, Basilika und römisches Alltagsleben
Natürlich kamen wir trotzdem am Forum vorbei. Direkt daneben liegt die große Basilika. Mit einer Kirche hat der Name in diesem Fall nichts zu tun. In der römischen Stadt war eine Basilika ein öffentlicher Bau, in dem unter anderem Recht gesprochen und Geschäfte abgewickelt wurden.

An anderen Stellen lagen Amphoren und Fundstücke neben den modernen Kisten der Archäologen. Das ist vielleicht ein gutes Bild für Pompeji überhaupt: eine antike Stadt, an der auch heute noch geforscht, restauriert und gesichert wird.

Besonders anschaulich fanden wir die Thermopolien. Das waren gewissermaßen die Imbissbuden der Römer. In die gemauerten Verkaufstresen waren große Keramikgefäße eingelassen, in denen Speisen und Getränke aufbewahrt wurden. In Pompeji hat man Dutzende solcher Lokale gefunden. Offenbar aßen auch die Römer gern außer Haus.

Cave Canem – Vorsicht vor dem Hund
Eines der berühmtesten Details Pompejis begegnete uns am Haus des Tragischen Dichters. Gleich am Eingang liegt das Mosaik eines angeketteten Hundes mit der Aufschrift CAVE CANEM – „Hüte dich vor dem Hund“. Viel geändert hat sich in zweitausend Jahren offenbar nicht. Heute würde wahrscheinlich einfach ein entsprechendes Schild am Gartentor hängen.

Auch die Wandgestaltung war raffinierter, als es auf den ersten Blick erscheint. Was wie große Stein- oder Marmorplatten aussieht, ist teilweise nur Putz und Stuck. Besonders im sogenannten ersten pompejanischen Stil wurden kostbare Marmorverkleidungen täuschend echt nachgeahmt. Schon die Römer kannten also die preisgünstige Variante des Luxus.

Wellness auf römisch
Richtig spannend wurden für uns die Thermen. Wer bei einer römischen Badeanlage nur an ein großes Schwimmbecken denkt, unterschätzt die Sache gewaltig. Es gab Umkleideräume, kalte, lauwarme und heiße Räume sowie eine erstaunlich ausgefeilte Heiztechnik.

Im Caldarium, dem heißen Baderaum, stand zusätzlich ein großes rundes Labrum. Darin befand sich kaltes Wasser, mit dem man sich zwischendurch abkühlen konnte. Was wir zunächst für einen Brunnen hielten, war also Teil des römischen Wellnessprogramms.

Und dann stand da dieses merkwürdige Ding, das wir zunächst für einen Tisch hielten. Bei genauerem Hinsehen passte das aber überhaupt nicht. Es handelt sich um einen großen Bronzebrazier im Tepidarium der Forumsthermen. Darin wurde Holzkohle verbrannt, um den Raum zu erwärmen. Was auf den ersten Blick wie Asche auf einem Tisch aussieht, gehört also zu einer antiken Heizung – und der vermeintliche Tisch ist gar keiner.

Noch raffinierter war das Hypokaustum. Dabei ruhte der Fußboden auf vielen kleinen Ziegelpfeilern. Heiße Luft konnte darunter hindurchströmen und je nach Bauweise zusätzlich durch Hohlräume in den Wänden ziehen. Fußbodenheizung vor knapp zweitausend Jahren – ganz so rückständig waren die Römer offensichtlich nicht.


HAVE – willkommen im Haus des Fauns
Fast genauso sympathisch wie der Wachhund ist ein anderes kleines Mosaik. Vor dem berühmten Haus des Fauns steht schlicht HAVE im Boden – eine lateinische Grußformel im Sinne von „Sei gegrüßt“ oder „Willkommen“.

Manchmal mussten wir allerdings zweimal hinsehen, um Antike und Rekonstruktion auseinanderzuhalten. Einige Gebäude besitzen wieder Dächer, Balkone oder Holzkonstruktionen. Das kann fast wie mittelalterliches Fachwerk aussehen. Das sichtbare Holz ist jedoch nicht seit dem Jahr 79 erhalten geblieben, sondern Teil moderner Sicherungen und Rekonstruktionen auf der antiken Bausubstanz.

Nur noch dieses eine Haus …
Seit 9:30 Uhr waren wir inzwischen auf dem Gelände unterwegs. Irgendwann kämpften Hitze und müde Beine gegen die Neugier. Immer wieder kam der Gedanke: Jetzt reicht es. Nur noch dieses eine Haus. Und prompt entdeckten wir dahinter wieder ein Mosaik, eine Wandmalerei oder irgendein anderes Detail, das wir uns doch noch ansehen wollten.
Etwas anstrengend waren mit der Zeit die großen Gruppen. Sie blieben ausgerechnet an Engstellen stehen, blockierten ganze Räume oder standen geschlossen vor einem Fotomotiv. Anfangs warteten wir noch geduldig. Irgendwann war es mir ziemlich wurscht und ich schlängelte mich einfach durch die Gruppen nach vorne.
Nur beim Lupanar, dem berühmten antiken Bordell von Pompeji, gaben wir auf. Die Schlange davor war so lang, dass unsere Neugier dann doch nicht mehr ausreichte.
Gegen 15 Uhr entschieden wir schließlich, den Rückweg anzutreten. Einige Häuser waren ohnehin abgesperrt oder nur von außen zu sehen, und auf die weiter außerhalb gelegenen Villen verzichteten wir ebenfalls. Man kann in Pompeji vermutlich mehrere Tage verbringen – wir hatten für heute genug Antike aufgenommen. Außerdem wollten wir schließlich noch nach Neapel, und allein bis zu unserer Unterkunft lagen wieder fast 30 Minuten Fußweg vor uns.
Ein Zug, zwei Gleise und 25 Minuten extra
Also erst einmal zurück zur Unterkunft: ein kaltes Bier, eine Dusche und ein paar Minuten die Füße hochlegen. Um 17:20 Uhr sollte dann unser Zug nach Neapel fahren.
Er war sogar erstaunlich pünktlich. Dummerweise hatte ich die große „1“ auf der Anzeigetafel für die Gleisangabe gehalten. Unser Zug fuhr währenddessen auf Gleis 2 ein. Bis wir verstanden hatten, was passiert war, und das Gleis wechseln konnten, war er schon wieder weg.
Damit hatten wir unfreiwillig noch einmal rund 25 Minuten Pause. Und selbst die Bank im Schatten half bei der Hitze nicht wirklich. Mit dem nächsten Zug der Circumvesuviana ging es schließlich bis Napoli Garibaldi.
Neapel – einfach loslaufen
Einen großen Besichtigungsplan hatten wir bewusst nicht mehr. Kein Museum, keine weitere Liste von Kirchen und Sehenswürdigkeiten. Wir wollten einfach durch die Stadt laufen und anschließend etwas essen. Oder umgekehrt.

Rund um die Piazza Garibaldi hätte der Gegensatz zum Vormittag kaum größer sein können: Glas, Stahl, Rolltreppen, Metro und Geschäfte unter der Erde, darüber das neapolitanische Verkehrschaos.
Ein festes Ziel hatten wir immerhin: ein Restaurant, das wir vorher bei Google herausgesucht hatten und das mit 4,7 Punkten ziemlich vielversprechend aussah. Google Maps schaffte es allerdings wieder einmal, uns auf dem Weg dorthin durch Gassen zu führen, bei denen Angela schon während des Hinwegs ankündigte: „Hier gehen wir heute Abend aber nicht wieder zurück.“
Ein ziemlich anderer erster Eindruck
Je weiter wir liefen, desto weniger hatte das Neapel vor uns mit den Hochglanzbildern aus Reiseführern zu tun. Vor allem der Müll fiel uns sofort auf: überquellende Container, Abfälle am Straßenrand und dazwischen Obststände, Cafés und Menschen, die ganz selbstverständlich ihren Alltag lebten. Uns fiel es schwer, den Schmutz und teilweise auch den Geruch auszublenden.
Auch in den Seitengassen lag vielerorts Abfall herum. Gleichzeitig saßen Menschen vor ihren Haustüren, Frauen schauten aus geöffneten Fenstern auf die Straße und überall spielte sich das Leben direkt vor den Häusern ab. Dieses Nebeneinander aus Verfall, Alltag und lebendigem Straßenleben wirkte auf uns fremd und teilweise fast unwirklich.

Mittendrin tauchte plötzlich die Porta Nolana auf. Das Stadttor stammt aus dem 15. Jahrhundert und gehörte zur aragonesischen Stadtbefestigung. Zwischen seinen beiden massiven Rundtürmen führte einst die Straße in Richtung Nola. Heute steht das alte Tor mitten im dichten Häusergewirr Neapels.
Doch auch hier bestimmte Müll unseren Eindruck. In einigen Nischen und an den Mauern hatten offenbar Obdachlose ihre Schlafplätze eingerichtet. Nur wenige Meter weiter saßen Carabinieri in ihrem Wagen. Für die Menschen hier schien all das ganz normaler Teil des Straßenbildes zu sein – für uns war es ein ziemlich heftiger Kontrast zu dem Neapel, das man gewöhnlich auf Bildern sieht.
4,7 Punkte bei Google
Irgendwann erreichten wir unser Restaurant. Nach Pompeji, Hitze und inzwischen reichlich Kilometern zu Fuß wollten wir jetzt vor allem sitzen und etwas essen. Und wenn man schon einmal in Neapel ist, gehört natürlich auch Pizza dazu.
Unser Kellner war sehr nett, sprach als Einziger im Service brauchbares Englisch und machte auch ein paar Späßchen mit uns. Die Verständigung mit seinen Kollegen war dagegen schwieriger. Als Angela bei einem von ihnen nach „more bread“ fragte, schaute er sie fragend an: „Calamari?“ Nun ja – fast.
Bei den Vorspeisen war die Welt noch halbwegs in Ordnung. Ich hatte gepfefferte Muscheln, Angela einen Caprese-Salat mit Büffelmozzarella und Tomaten. Wobei die hiesige Interpretation von Caprese etwas eigenwillig war: Die Tomaten waren zusätzlich mit reichlich Feldsalat belegt.
Bei der Pizza wurde es dann schwieriger. Angelas Pizza war ziemlich weich und schlabberig. Ich hatte mich an die frittierte Variante gewagt, deren Füllung mich ein wenig an ein Cordon bleu erinnerte – nur eben in Pizzateig. Gerade in Neapel hatten wir uns davon deutlich mehr versprochen.

Irgendwann verschwand dann plötzlich unser Kellner. Kaffee oder Grappa konnten wir deshalb nicht mehr bestellen. Also gingen wir zur Kasse, wo zunächst ebenfalls niemand so recht wusste, was wir wollten. Zweimal bat ich um die Rechnung, zweimal kam nur ein „Uno minuto“ zurück.
Dann entdeckten wir auch den Grund für das Verschwinden unserer Bedienung: Unser Kellner stand inzwischen hinter dem Pizzaofen und backte Pizza.
Am Ende standen 73 Euro auf der Rechnung – diesmal ohne Trinkgeld. Für das Essen fanden wir das eindeutig zu viel. Die 4,7 Punkte bei Google konnten wir jedenfalls nicht nachvollziehen.
Zurück lieber über die Hauptstraßen
Als wir das Restaurant verließen, war es längst dunkel. Angelas Ansage vom Hinweg hatte ich noch im Ohr, und auf dem Rückweg achtete ich deshalb ziemlich genau darauf, uns möglichst über größere Straßen zum Bahnhof zurückzuführen. Die kleinen Gassen mussten wir bei Dunkelheit nicht noch einmal ausprobieren.

Eigentlich wollten wir uns auf dem Rückweg wenigstens eine Station Fußweg sparen und dafür die Metro nehmen. Unser Ticket für die Circumvesuviana funktionierte dort allerdings nicht. Angela befürchtete unter der Erde ohnehin eher noch mehr Gedränge und Schmuddel – also liefen wir weiter. Auf ein paar zusätzliche Schritte kam es an diesem Tag nun wirklich nicht mehr an.
Schließlich erreichten wir wieder Napoli Garibaldi und fuhren mit der Circumvesuviana zurück zu unserer Station.
Und dann noch knapp zwei Kilometer
Dort war es inzwischen stockdunkel geworden, und die knapp zwei Kilometer bis zur Unterkunft zogen sich noch einmal ganz schön in die Länge. Inzwischen meldeten sich die Beine bei jedem Schritt.
Trotzdem waren wir im Nachhinein froh, nicht mit dem Auto zum Bahnhof gefahren zu sein. Der Parkplatz, den wir dafür ins Auge gefasst hatten, lag inzwischen hinter einem großen geschlossenen Rolltor. Nach fast 30.000 Schritten hätten wir auf diese Überraschung wirklich verzichten können.
Am Ende war es ein ziemlich langer Tag geworden: morgens eine römische Stadt, die vor fast zweitausend Jahren unter Bimsstein und Asche verschwand, abends eine der lautesten, widersprüchlichsten und für uns an diesem Abend auch gewöhnungsbedürftigsten Städte Italiens. Dazwischen fast 30.000 Schritte, ein verpasster Zug und ein Kellner, der irgendwann vom Tischservice an den Pizzaofen wechselte.
Pompeji hat uns begeistert. Neapel hat uns eher irritiert. Vielleicht braucht diese Stadt mehr Zeit als einen einzigen Abend – unser erster Eindruck jedenfalls war ziemlich eindeutig.



