Nach unserem langen Tag zwischen Pompeji und Neapel stand am nächsten Morgen noch ein letzter Höhepunkt in Kampanien auf dem Programm: der Vesuv. Danach wollten wir Strecke machen. Knapp 500 Kilometer lagen zwischen dem Vulkan und unserem nächsten Ziel Modena – aber bevor wir uns auf die Autobahn nach Norden setzten, wollten wir erst einmal an den Rand jenes Kraters, der die ganze Region seit Jahrtausenden prägt.
Hinauf zum Vesuv

Schon die Anfahrt war wieder typisch Italien – oder besser gesagt: typisch Google Maps. Natürlich hätte es vermutlich auch eine größere Straße gegeben. Unsere Navigation entschied sich stattdessen wieder einmal für den möglichst direkten Weg.

Mit dem Mini kommen wir durch solche Straßen zwar deutlich entspannter als mit einem größeren Auto, trotzdem fragt man sich gelegentlich, ob Google wirklich weiß, was es einem da gerade empfiehlt. Irgendwann lagen die Häuser hinter uns, die Straße schraubte sich immer weiter den Berg hinauf und der Blick öffnete sich über den Golf von Neapel. Leider begleitete uns aber auch hier wieder ein inzwischen nur allzu vertrautes Bild: Müll am Straßenrand.

Da der Mini am Vortag praktisch nur gestanden hatte, hatte ich morgens nicht wirklich auf die Tankanzeige geachtet. Noch knapp 70 Kilometer Reichweite wurden angezeigt – eigentlich genug für die Fahrt hinauf und anschließend zur nächsten Tankstelle. Eigentlich. Denn je steiler die Straße wurde, desto höher kletterte natürlich der Verbrauch und desto schneller sank die errechnete Restreichweite. Nicht gerade der Moment, in dem man besonders entspannt auf eine Tankanzeige schaut.
Ganz bis zum Krater kann man ohnehin nicht mit dem eigenen Auto fahren. Auf der alten Zufahrtsstraße zur früheren Seilbahn gibt es einen Bereich, in dem die Autos für sieben Euro am Straßenrand abgestellt werden. Von dort sind es noch ungefähr zwei Kilometer bergauf. Man kann laufen oder für drei Euro pro Person einen Shuttlebus nehmen. Nachdem wir anschließend noch fast 500 Kilometer bis Modena vor uns hatten, fiel die Entscheidung diesmal leicht: Wir nahmen den Shuttle.
Von dessen Endpunkt ging es dann zu Fuß weiter. Während wir höher stiegen, schoben sich Wolken und Nebel um den Berg. Eben hatten wir Neapel noch unter uns gesehen, wenig später verschwand das Tal beinahe vollständig im Grau.
Betonreste einer anderen Zeit
Fast am Kraterrand stehen einige ziemlich rätselhafte Betonreste. Was heute wie das Fundament eines nie fertiggestellten Bauprojekts aussieht, gehört zur Geschichte des Vesuvs als Touristenattraktion. Schon 1880 eröffnete hier eine Standseilbahn. Genau für diese Bahn wurde übrigens das später weltberühmte neapolitanische Lied Funiculì, Funiculà geschrieben.

Die Standseilbahn wurde beim Ausbruch von 1944 endgültig zerstört. An ihrer Stelle entstand 1953 eine Sesselbahn, die die Besucher von etwa 760 Metern Höhe fast bis an den Kraterrand brachte. Besonders praktisch war sie allerdings nicht: Wind machte den Betrieb immer wieder schwierig, und mit den wachsenden Besucherzahlen war ihre Kapazität irgendwann zu gering. 1984 wurde sie endgültig stillgelegt. Die Betonreste der oberen Station sind bis heute geblieben.
Während wir oben weitergingen, wurde die Aussicht nach unten immer schlechter. Das Tal war inzwischen fast vollständig verschwunden.

Sonne über dem Krater
Am Krater selbst bot sich dagegen ein völlig anderes Bild. Während unter uns die Wolken hingen, lag der gewaltige Kessel plötzlich in der Sonne. Nach Pompeji am Vortag war es schon ein merkwürdiges Gefühl, nun hier oben zu stehen und in genau den Vulkan hineinzusehen, der das Leben der Menschen dort im Jahr 79 innerhalb weniger Stunden ausgelöscht hatte.

Der Vesuv ist keineswegs erloschen. Sein bislang letzter Ausbruch war 1944. Heute wird der Vulkan permanent überwacht, und auch am Krater begegnet man immer wieder Mess- und Beobachtungseinrichtungen.

Damit schloss sich für uns auch ein kleiner Kreis: erst Pompeji, dann Neapel und nun der Blick in den Krater. Viel mehr Vesuv ging eigentlich nicht. Also zurück zum Mini – und zunächst einmal zu einer Tankstelle. Danach konnte der zweite Teil des Tages beginnen, und der würde vor allem eines bringen: Kilometer.
Knapp 500 Kilometer nach Norden

Von nun an hieß es fahren. Auf der A1 ging es quer durch Italien nach Norden. Nach den vergangenen Tagen mit engen Küstenstraßen, Serpentinen, Stadtverkehr und kleinen Landstraßen war eine lange Autobahnetappe fast schon Erholung – zumindest eine Weile.
Mit jedem Kilometer veränderte sich die Landschaft. Kampanien lag hinter uns, später tauchten am Straßenrand die Bilder auf, die man sofort mit der Toskana verbindet: Hügel, Felder, Zypressen und vereinzelte Häuser inmitten einer erstaunlich aufgeräumt wirkenden Landschaft.

Selbst Tunnel können ein bisschen Kunst vertragen
Spätestens auf dem Weg durch den Apennin bestand die Aussicht dann wieder häufiger aus Beton, Fels und Tunneln. Und selbst dort schaffen es die Italiener, aus reiner Zweckarchitektur gelegentlich noch etwas Besonderes zu machen. Tunnelportale einfach nur grau und funktional gestalten? Offenbar zu langweilig.


Abends in Modena
Nach knapp 500 Kilometern erreichten wir schließlich Modena. Morgens schwarzer Vulkanboden und ein Krater, abends elegante Plätze und barocke Fassaden – Italien schafft an einem einzigen Tag schon ziemlich erstaunliche Kontraste.
Und der Gegensatz zu Neapel am Vorabend hätte kaum größer sein können. Dort noch das chaotische Durcheinander aus Verkehr, Müll, schiefen Häuserzeilen, verwinkelten Straßen und engen Gassen – hier plötzlich gerade Straßen, klare Strukturen, breite Wege und alles erstaunlich sauber. Modena wirkte fast, als wäre die Stadt am Reißbrett entstanden. Nur das Wetter spielte nicht mit: Es regnete.
Unser Hotel lag nahe am Zentrum und hatte selbst schon einige Patina angesetzt. Viel Holz, klassische Einrichtung und ein Charme, der eher an ein Grandhotel vergangener Zeiten erinnerte als an ein modernes Stadthotel. Vielleicht gerade deshalb war es gemütlich. Der Concierge begrüßte uns freundlich und half uns sogar dabei, einen Parkplatz am Straßenrand zu finden – nach fast 500 Kilometern genau die Art von unkompliziertem Empfang, die man sich wünscht.
Lange hielten wir uns im Zimmer trotzdem nicht auf. Wir wollten noch etwas essen und wenigstens einen kleinen Eindruck von Modena bekommen. Viel Besichtigungsprogramm musste es nach Vesuv, Wanderung und fast 500 Kilometern Autobahn allerdings nicht mehr sein.
Die erste Restaurantempfehlung erwies sich dann als dauerhaft geschlossen. Zum Glück lag gleich ums Eck die zweite Empfehlung: das Bistro Emilia. Eine gute Entscheidung – sehr leckeres Essen, eine angenehme Atmosphäre und auch preislich völlig in Ordnung.
Schon die Dekoration gefiel uns. Genau die richtige Umgebung, um nach diesem langen Tag endgültig in der Emilia-Romagna anzukommen.

Auf dem Rückweg zum Hotel kamen wir dann noch über die Piazza Roma – und standen plötzlich vor dem gewaltigen Palazzo Ducale.
Ab 1634 für Francesco I. d’Este errichtet, war der Palast mehr als zwei Jahrhunderte Residenz des Hauses Este. Heute befindet sich darin die Militärakademie von Modena. Für uns blieb es an diesem Abend beim Blick von außen – aber allein die Fassade ist schon beeindruckend genug.

Ein ziemlich langer Reisetag – und gleichzeitig einer dieser Tage, an denen man erst am Abend merkt, wie viel eigentlich hineingepasst hat. Morgens standen wir noch über den Wolken am Krater des Vesuvs, dazwischen lagen fast 500 Kilometer Italien, und am Abend saßen wir mitten in Modena. Morgen müssen es dann gerne wieder ein paar Kilometer weniger sein.



