Über Bitumenpisten und Apollonia ins moderne Tirana

Von Vlorë über die raue Strecke bei Selenicë und Apollonia nach Tirana: Naturbitumen, antike Ruinen, Tavë Dheu, Skanderbeg und modernes Albanien.

Route von Vlorë über Selenicë und Apollonia nach Tirana
191 Kilometer – ganz sicher nicht auf dem geraden Weg nach Norden

Nicht auf dem geraden Weg nach Norden

Wir hatten inzwischen die unterschiedlichsten Unterkünfte in Albanien erlebt, meist irgendwo zwischen 40 und 125 Euro pro Nacht. Diese hier hatte gerade einmal 37 Euro gekostet. Sie war sehr sauber und ordentlich, aber man merkte natürlich, dass alles eher einfach gehalten war. Das Frühstück war gut, die Milch beispielsweise Pulvermilch und das Wasser kam aus offenen Kanistern. Kein Luxus, aber alles gepflegt und für den Preis völlig in Ordnung.

Eigentlich mussten wir heute nur nach Norden Richtung Tirana. „Eigentlich“ ist auf unseren Reisen allerdings ein gefährliches Wort. Statt der direkten Strecke hatten wir uns eine alte Verbindung durch das Hinterland östlich von Vlorë ausgesucht. Sie führte über Selenicë und weiter in Richtung Tepelenë – also genau in die Gegend, durch die wir einige Tage zuvor auf dem Weg nach Gjirokastër gekommen waren. Angeblich sollte die Straße offen und befahrbar sein. Außerdem führte sie mitten durch eine Region, die seit Jahrhunderten für ihren natürlichen Bitumen bekannt ist. Gründe genug für einen kleinen Umweg. Und natürlich ideal zum Offenfahren – wenn man die Hitze ignorierte.

Gerade Straße im Hinterland von Vlorë
Ausnahmsweise führte die Straße tatsächlich ziemlich gerade nach Norden

Durch das Bitumenland von Selenicë

Zunächst führte uns die Straße durch das breite Tal der Shushicë nach Selenicë. Der Ort ist eng mit einem Rohstoff verbunden, den man hier nicht erst seit der Industrialisierung aus dem Boden holt: Naturbitumen. Die Lagerstätten von Selenicë waren bereits in der Antike bekannt und werden seit mehr als zweitausend Jahren genutzt. Später wurde der Abbau industriell betrieben, zeitweise unter französischen und italienischen Unternehmen, und Naturasphalt aus Albanien fand sogar seinen Weg auf europäische Straßen.

Hinter Selenicë bogen wir von der besseren Straße auf unsere ausgesuchte alte Verbindung ab. Der Belag war bereits etwas reparaturbedürftig, aber laut unserer Internetrecherche sollte die Strecke befahrbar sein. Zunächst sah das auch durchaus danach aus.

Naturbitumen und Abbaugebiet bei Selenicë in Albanien
Bei Selenicë roch es plötzlich deutlich nach Asphalt – Naturbitumen am Straßenrand

Dann roch es plötzlich unverkennbar nach Asphalt. Am Straßenrand lagen dunkle Ablagerungen und Material aus dem Bitumenabbau. Ein eigenartiger Geruch mitten in einer ansonsten ausgesprochen ländlichen Landschaft – und der beste Beweis, dass wir tatsächlich im richtigen Gebiet gelandet waren.

Alte Olivenbäume entlang der Serpentinen bei Selenicë
Alte Olivenbäume säumten die Serpentinen
Alter Olivenhain im albanischen Hinterland
Noch mehr alte Olivenbäume entlang unserer Strecke

Danach wurde es wieder deutlich idyllischer. Unzählige Olivenhaine begleiteten unseren Weg. Dazwischen standen junge Bäume, aber auch Exemplare, deren knorrige Stämme vermuten ließen, dass sie hier schon einige Generationen albanischer Straßen erlebt hatten. Und natürlich gab es wieder Wildwechsel – in der ausgesprochen geruhsamen albanischen Variante.

Schildkröte auf einer Straße im Hinterland Albaniens
Und wieder geruhsamer Wildwechsel

Wenn aus einer Straße eine Kieskiste wird

Der Straßenbelag wechselte anschließend durch so ziemlich alles, was Straßenbau und Natur gemeinsam zu bieten haben: alter Asphalt, aufgebrochener Asphalt, Schotter, Sand und Staub. Je weiter wir kamen, desto gröber wurde allerdings das Material. Irgendwann bestand die Strecke fast nur noch aus ausgewaschenem, losem Kies und größeren Steinen.

Der Mini schlug sich erstaunlich wacker. Trotzdem wurde ich langsam nervös. Mit seinen knapp 14 Zentimetern Bodenfreiheit ist er nun einmal kein Geländewagen, und vor allem wollte ich an den steileren Stellen möglichst nicht anhalten. Ob wir im losen Kies anschließend wieder hätten anfahren können, wollte ich lieber nicht ausprobieren.

Ausgewaschene Schotterpiste im albanischen Hinterland
Aus der Straße wurde zunehmend eine ausgewaschene Kieskiste

An einer Stelle war ich tatsächlich kurz davor zu sagen: An der nächsten geeigneten Möglichkeit drehen wir um. Nur war inzwischen auch das keine besonders beruhigende Vorstellung mehr. Die ganze Strecke rückwärts wieder hinunterzufahren, über die wir uns gerade mühsam heraufgearbeitet hatten, erschien mindestens genauso unangenehm.

Und dann sah ich plötzlich hinter einem Hügel die Spitze einer Straßenlaterne. Noch nie hatte mich eine Straßenlaterne derart gefreut. Wo eine Laterne steht, musste es schließlich Zivilisation geben – und hoffentlich auch wieder etwas, das den Namen Straße verdient.

Tatsächlich öffnete sich kurz darauf der Blick auf das breite Vjosa-Tal. Hinter dem Hügel mündete unsere Geröllpiste schließlich auf eine perfekt asphaltierte Straße. Von einem Moment auf den anderen waren wir wieder zurück in der Zivilisation.

Blick auf das breite Vjosa-Tal in Albanien
Und plötzlich öffnete sich der Blick auf das breite Vjosa-Tal

Wenig später waren wir wieder auf der SH4, einer breiten und gut ausgebauten Hauptstraße. Durch die offene Landschaft des Vjosa-Tals ging es nun endgültig wieder nach Norden. Unser nächstes Ziel lag bei Fier und hieß Apollonia.

Kuhherde im Tal in Albanien
Zurück in der Ebene – diesmal mit einer ziemlich großen Kuhherde

Apollonia – 2.600 Jahre Geschichte in der Mittagshitze

Apollonia wurde um 600 vor Christus von griechischen Siedlern gegründet, vor allem aus Korinth und von Korfu, dem damaligen Korkyra. Die Lage war günstig: Damals lag die Stadt wesentlich näher am Meer und entwickelte sich zu einem wichtigen Handelszentrum. Später kam sie unter römische Herrschaft und gehörte zu den bedeutenderen Städten dieser Region. Sogar der spätere Kaiser Augustus hielt sich hier als junger Octavian zum Studium auf, als ihn 44 vor Christus die Nachricht von der Ermordung Caesars erreichte.

Eingang zum Archäologischen Park Apollonia bei Fier
Der moderne Eingang zum Archäologischen Park Apollonia

Heute liegt die antike Stadt friedlich auf einem Hügel über der Ebene. Von der einst großen Stadt ist nur ein Teil ausgegraben, aber genau das macht den Rundgang interessant: Zwischen Wiesen und Bäumen tauchen immer wieder Säulen, Mauern, Tempelreste und öffentliche Gebäude auf. Man muss sich allerdings ein wenig vorstellen können, wie hier vor mehr als zweitausend Jahren tatsächlich eine ganze Stadt funktionierte.

Mittelalterliches Marienkloster im Archäologischen Park Apollonia
Das mittelalterliche Marienkloster von Apollonia – gegenüber der antiken Stadt fast schon ein Neubau

Fast schon neu wirkt in diesem Umfeld das mittelalterliche Marienkloster, dessen Kirche im Kern aus dem 13. Jahrhundert stammt. In den ehemaligen Klostergebäuden befindet sich heute das archäologische Museum. Dort bekommt man einen guten Eindruck davon, wie wohlhabend und kultiviert die Bewohner Apollonias einst lebten – mit Keramik, Skulpturen, Alltagsgegenständen und zahlreichen Funden aus den Ausgrabungen.

Darstellung des gesellschaftlichen Lebens im antiken Apollonia
So stellt das Museum das gesellschaftliche Leben im antiken Apollonia dar
Antike mehrflammige Öllampe aus Ton im Museum von Apollonia
Eine mehrflammige Öllampe aus Ton

Das bekannteste Bauwerk des Parks ist das sogenannte Monument der Agonotheten. Hinter dem etwas sperrigen Namen verbirgt sich die rekonstruierte Fassade des Bouleuterions, also des antiken Ratshauses beziehungsweise Versammlungsgebäudes. Mit seinen Säulen und dem Giebel ist es eines der wenigen Bauwerke, bei denen man nicht besonders viel Fantasie benötigt, um sich den ursprünglichen Eindruck vorzustellen.

Monument der Agonotheten und Bouleuterion in Apollonia
Das Monument der Agonotheten – die rekonstruierte Fassade des antiken Bouleuterions

Beim kleinen Odeon sind auch die halbkreisförmigen Sitzreihen noch gut zu erkennen. Es diente nicht dem großen Spektakel, sondern eher kleineren Aufführungen und Versammlungen. Beim deutlich größeren Theater sieht die Sache anders aus. Groß war es in der Tat: Je nach Rekonstruktion bot es etwa 10.000 bis 12.000 Zuschauern Platz und gehörte damit zu den größten Theaterbauten der Region. Heute braucht es allerdings erheblich mehr Vorstellungskraft, um aus den sichtbaren Resten wieder das vollständige antike Theater entstehen zu lassen.

Antikes Odeon in Apollonia mit erhaltenen Sitzreihen
Das kleine Odeon – die Sitzreihen sind noch gut zu erkennen
Reste des großen antiken Theaters von Apollonia
Beim großen Theater braucht es etwas Fantasie, um sich die ursprünglichen Dimensionen vorzustellen

Mit Regenschirm durch die Antike

Eigentlich hatten wir gar nicht vorgehabt, hier besonders viel zu laufen. Bei knapp 40 Grad in der Mittagshitze war jeder Schritt außerhalb des Schattens eine kleine Herausforderung. Zum Glück war uns rechtzeitig die chinesische Variante eingefallen: Wir hatten unsere Regenschirme mitgenommen und funktionierten sie kurzerhand zu Sonnenschirmen um.

Das sah vielleicht etwas ungewöhnlich aus, funktionierte aber hervorragend. So liefen wir schließlich doch noch den kleinen Rundweg durch die Ausgrabungen. Lediglich das Mosaikhaus ließen wir aus. Zum Glück, wie sich später herausstellte: Vom Auto aus konnten wir sehen, dass der Bereich ohnehin großräumig abgesperrt war. Den zusätzlichen Weg hätten wir uns bei dieser Hitze also komplett umsonst angetan.

Ein letztes Kloster: Ardenica

Danach ging es noch zum Kloster Ardenica. Das orthodoxe Kloster stammt aus dem Mittelalter und geht in seiner heutigen Form auf das 13. Jahrhundert zurück. Besonders bekannt ist die Anlage für ihre späteren Fresken und Ikonen. Im Inneren durften wir allerdings nicht fotografieren, deshalb gibt es davon kein Bildmaterial.

Es war durchaus einen kurzen Stopp wert. Aber nach all den Kirchen, Moscheen, Klöstern, Tempeln und sonstigen historischen Gebäuden unserer bisherigen Reise setzte bei uns langsam eine gewisse religiös-architektonische Sättigung ein. Wir hatten genug gesehen. Tirana wartete.

Von Osten in die Hauptstadt

Zunächst wurde die Landschaft zunehmend industrieller, und wir dachten schon, wir seien auf der klassischen Einflugschneise nach Tirana. Google hatte allerdings andere Pläne und führte uns südlich an der Stadt vorbei weit nach Osten. Vermutlich wollte die Navigation dem Verkehr auf den Hauptachsen ausweichen. Wie wir später hörten, muss es auf der direkten Verbindung zwischen Durrës und Tirana zeitweise ordentliches Chaos und lange Staus gegeben haben.

Von Osten her kamen wir dann erstaunlich problemlos ins Zentrum. Und diesmal hatten wir bei der Lage unseres Hotels wirklich einen Volltreffer gelandet: zentraler hätten wir kaum wohnen können, direkt beim Basarviertel und nur wenige Gehminuten von den wichtigsten Sehenswürdigkeiten entfernt. Noch besser: Das Hotel hatte sogar einen eigenen Parkplatz im Innenhof.

Mini Cabrio zwischen den modernen Hochhäusern von Tirana
Der Kleine in der großen Stadt

Ruckzuck war der Mini geparkt, der Rucksack auf dem Zimmer und wir gönnten uns erst einmal eine kleine Pause. Diesmal war sogar das Wasser aus dem Kühlschrank kostenlos. Einen Kaffee hätten wir uns selbst kochen können, aber dazu waren wir zu faul. Eigentlich wollten wir lieber an die Hotelbar – nur war dort niemand zu finden.

Tavë Dheu statt Hotelbar

Die bessere Lösung wartete gleich um die Ecke. Dort fanden wir ein traditionelles Restaurant mit gezapftem Bier – und zu meiner Überraschung sogar Gjirokastër-Bier aus der Flasche. Nach unserer bislang eher erfolglosen Suche in Gjirokastër selbst hatte das fast schon etwas Ironisches.

Für mich gab es Tavë Dheu, ein typisches Gericht aus Tirana. Es kommt heiß in einer Tonschale auf den Tisch und besteht je nach Variante aus Fleisch beziehungsweise Leber, Tomaten, Paprika und Gjizë, einem albanischen Frischkäse. Leber war tatsächlich auch dabei – aber in dieser Kombination war selbst das völlig in Ordnung. Angela hatte die vegetarische Verwandtschaft davon: ein Käse-Gemüsegericht mit Paprika, dazu noch vegetarische Meatballs. Alles zusammen ausgesprochen lecker.

Vom Basar zum Skanderbeg-Platz

So gestärkt gingen wir zunächst durch den Basar. Der hatte für unseren Geschmack am Abend allerdings schon etwas zu viel von einem Touristenmarkt. Zwischen den Ständen lagen jede Menge T-Shirts, Kleidung und die üblichen Souvenirs. Also machten wir uns lieber auf den Weg zum Skanderbeg-Platz.

Unterwegs kamen wir an einem Gebäude vorbei, das in Tirana kaum zu übersehen ist: der neuen Namazgah-Moschee. Sie wurde erst 2024 eröffnet und ist mit ihrer großen Kuppel und den vier hohen Minaretten heute die zentrale Moschee der Hauptstadt. Nach all den teilweise jahrhundertealten Moscheen unserer Reise war es interessant, einmal das genaue Gegenteil zu sehen – einen monumentalen islamischen Neubau mitten in einer modernen europäischen Hauptstadt.

Namazgah-Moschee in Tirana
Die neue Namazgah-Moschee von Tirana

Ein schönes Haus mit einem schweren Thema

Nur wenig später standen wir vor einem ausgesprochen schönen historischen Gebäude – mit einem ziemlich erschreckenden Inhalt. Das Haus wurde in den 1930er-Jahren als italienische Botschaft errichtet und in den 1940er-Jahren erweitert. Heute wird es unter anderem vom Institut für die Integration ehemals politisch Verfolgter und vom Institut zur Erforschung der Verbrechen und Folgen des Kommunismus genutzt.

Ehemalige italienische Botschaft und heutiger Sitz von Institutionen zur Aufarbeitung kommunistischer Verfolgung in Tirana
Ein schönes Gebäude mit einem schweren Thema: die Aufarbeitung der kommunistischen Diktatur

Das Institut zur Erforschung der Verbrechen und Folgen des Kommunismus beschäftigt sich mit der Aufarbeitung der kommunistischen Diktatur Albaniens von 1944 bis 1991. Unter Enver Hoxha entwickelte sich das Land zu einer der abgeschottetsten Diktaturen Europas. Politische Gegner und vermeintliche Gegner des Regimes wurden verhaftet, interniert, zu Zwangsarbeit verurteilt oder hingerichtet; Familien konnten über Generationen unter den Folgen einer Einstufung als „Feinde“ leiden. Das Institut sammelt Dokumente, erforscht Einzelschicksale und versucht, dieses Kapitel der albanischen Geschichte systematisch aufzuarbeiten.

Der Kontrast könnte kaum größer sein: eine sorgfältig restaurierte, elegante Fassade – und dahinter die Dokumentation eines Systems, dessen Auswirkungen in vielen albanischen Familien bis heute nachwirken.

Eine Festung als Ausgehviertel

Mit der Dämmerung wurde es zum Glück langsam etwas kühler. Zwischen den Häuserschluchten hatten wir von der partiellen Sonnenfinsternis, die an diesem Abend auch über Tirana zu sehen war, überhaupt nichts mitbekommen.

Stattdessen kamen wir am Eingang der alten Festung von Tirana vorbei, der Kalaja e Tiranës. Vom historischen Befestigungswerk ist heute nur noch ein Teil erhalten. Hinter dem Eingang verbirgt sich inzwischen allerdings kein düsteres Gemäuer, sondern eine ausgesprochen gemütliche kleine Fußgängerzone mit Restaurants, Cafés und Boutiquen.

Eingang zur Festung von Tirana Kalaja e Tiranës
Der Eingang zur alten Festung von Tirana – heute voller Restaurants und kleiner Läden

Es sah ausgesprochen idyllisch aus. Nur hatten wir bereits gegessen, und zum Shoppen war uns ebenfalls nicht. Also weiter zum Skanderbeg-Platz.

Der Sheshi Skënderbej ist das eigentliche Herz Tiranas. Rund um den riesigen, weitgehend autofreien Platz liegen unter anderem das Nationalmuseum, die Oper, die Nationalbank und weitere wichtige öffentliche Gebäude. Die heutige Gestaltung stammt aus dem Jahr 2017. Der Boden ist mit Naturstein aus verschiedenen Teilen Albaniens gepflastert – ein ziemlich passendes Detail für einen Platz, der symbolisch das ganze Land repräsentieren soll.

Namensgeber und unübersehbarer Mittelpunkt ist Gjergj Kastrioti Skënderbeu, besser bekannt als Skanderbeg. Der albanische Nationalheld des 15. Jahrhunderts sitzt seit 1968 hoch zu Ross auf seinem Denkmal. Nachdem wir einige Tage zuvor bereits seine Burg in Kruja besucht hatten, begegnete er uns hier also noch einmal im Zentrum der Hauptstadt.

Skanderbeg-Denkmal auf dem Skanderbeg-Platz in Tirana
Das Skanderbeg-Denkmal im Zentrum von Tirana

Eine Pyramide mit zweitem Leben

Vom Skanderbeg-Platz gingen wir weiter zur Pyramide von Tirana. Ihren Sinn und Nutzen hatte ich zunächst nicht so ganz verstanden. Sie wurde 1988 als Museum für den drei Jahre zuvor verstorbenen Diktator Enver Hoxha eröffnet. Nach dem Ende des Kommunismus verlor sie diese Funktion und wurde anschließend für alles Mögliche genutzt, verfiel teilweise und stand lange sinnbildlich für den schwierigen Umgang Albaniens mit seiner jüngeren Vergangenheit.

Inzwischen hat die Pyramide ein komplett neues Leben bekommen. Sie wurde umgebaut und 2023 wiedereröffnet. Heute ist sie ein öffentlicher Treffpunkt mit Bildungs- und Technologieangeboten, Veranstaltungsräumen und kleinen Geschäften. Und vor allem darf man endlich ganz offiziell das tun, was früher Generationen von Jugendlichen ohnehin gemacht haben: außen hinaufklettern.

Also gingen auch wir die Treppen hinauf. Von oben hat man einen erstaunlich guten Blick über das Zentrum und sieht besonders schön, wie sehr Tirana inzwischen zwischen alten Gebäuden, sozialistischen Relikten und immer neuen Hochhäusern gewachsen ist. Sinn und Nutzen der Pyramide waren damit zumindest für uns geklärt.

Die renovierte Pyramide von Tirana am Abend
Die Pyramide von Tirana – früher Hoxha-Museum, heute öffentlicher Treffpunkt

Flamingos vor dem Regierungsviertel

Eigentlich wollten wir anschließend noch weiter in das ehemalige Regierungsviertel Blloku laufen. Dort steht unter anderem die frühere Villa Enver Hoxhas. Unten an der Straße war allerdings eine größere Demonstration, und Angela hatte wenig Lust, sich durch die Menschenmenge zu schieben.

Die Proteste hatten einige Wochen zuvor unter dem Flamingo als Symbol begonnen. Ausgangspunkt war der Widerstand gegen große touristische Investitionsprojekte an der albanischen Küste, unter anderem im Bereich Zvërnec und der Vjosa-Narta-Lagune sowie auf Sazan. Kritiker befürchten negative Folgen für empfindliche Küsten- und Feuchtgebiete, zu denen auch wichtige Lebensräume für Flamingos gehören. Hinter einem Teil der Investitionspläne steht Affinity Partners, die Investmentgesellschaft von Jared Kushner, dem Schwiegersohn von Donald Trump. Die albanische Regierung wiederum sieht in solchen Projekten große Chancen für Tourismus und ausländische Investitionen und verweist auf Umweltprüfungen und Schutzauflagen.

Aus dem zunächst stark ökologisch geprägten Protest entwickelte sich inzwischen eine deutlich breitere Bewegung gegen die Regierung. Neben Umwelt- und Transparenzfragen geht es um Korruptionsvorwürfe und die politische Entwicklung des Landes. Inzwischen gehört auch die Forderung nach dem Rücktritt von Premierminister Edi Rama zu den zentralen Forderungen der Demonstranten. Der Flamingo blieb dabei das weithin sichtbare Symbol der Bewegung.

Wir wollten an diesem Abend weder die eine noch die andere Seite aus nächster Nähe studieren. Also drehten wir ein paar Schritte vorher um und machten uns langsam auf den Rückweg zum Hotel.

Tirana – völlig anders als erwartet

Am Ende waren wir dann doch wieder rund fünf Kilometer durch die Stadt gelaufen. Trotz der Hitze – Tirana hatte sich über den Tag ordentlich aufgeheizt und auch am Abend kamen wir noch kräftig ins Schwitzen – war der Spaziergang ein wunderbares Erlebnis.

Vor allem waren wir überrascht, was aus Tirana geworden ist. Natürlich gibt es noch sozialistische Gebäude, Verkehrschaos und Ecken, an denen die Stadt ziemlich improvisiert wirkt. Dazwischen stehen aber moderne Hochhäuser, neu gestaltete Plätze, restaurierte historische Gebäude, Grünflächen, Restaurants und eine erstaunlich lebendige Innenstadt.

Nach fast zwei Wochen kreuz und quer durch Albanien war Tirana noch einmal ein völlig anderer Abschluss des Tages. Von einer ausgewaschenen Kiespiste im Bitumengebiet über eine 2.600 Jahre alte Stadt bis auf eine ehemalige Hoxha-Pyramide – 191 Kilometer waren es gewesen. Nicht auf dem geraden Weg nach Norden, aber definitiv auf dem interessanteren.

Moderne Skyline von Tirana bei Nacht
Die moderne Silhouette von Tirana