
Am letzten Tag in Albanien blieb uns nur noch die kurze Autoetappe nach Durrës zur Fähre. Vorher wollten wir Tirana aber noch einmal zu Fuß erkunden. Durrës und die Autofähre konnten bis zum Abend warten – zunächst mussten wir uns schließlich stärken. Und was unser Hotel dabei auffuhr, hatten wir so nicht erwartet.
Ein Frühstück, das Maßstäbe setzt
Die Dachterrasse kannten wir bereits vom Vorabend. An diesem Morgen wurde es dort allerdings besonders. Der Oberkellner begrüßte uns erstaunlich förmlich, fragte nicht einmal nach unserer Zimmernummer, führte uns direkt zum Tisch und stellte Angela sogar einen eigenen Stuhl für ihre Tasche hin. Anschließend breitete er uns noch die Servietten auf dem Schoß aus. Entweder verkehren wir normalerweise in den falschen Kreisen oder so etwas ist tatsächlich selten geworden – jedenfalls konnten wir uns kaum daran erinnern, wann wir zuletzt so bedient worden waren.
Hatten wir etwa viel zu viel für unser Hotel bezahlt? Eigentlich nicht. Rund 80 Euro für diese Lage mitten in Tirana erschienen uns eher vernünftig. Und dann kam das Frühstück.

Als eine Art Vorspeise gab es eine fein angemachte Gemüserolle mit Kräutern, dazu Toast, hausgemachtes Brot mit drei verschiedenen Marmeladen, zwei Sorten Kuchen und einen kleinen Joghurt mit Früchten. Damit wären wir eigentlich schon zufrieden gewesen. Es war aber eben nur die erste Runde.
Danach folgten Omelett, Eggs Benedict und weitere Eivariationen, verschiedene Käsesorten und wieder jede Menge frisches Gemüse, Früchte und Kräuter. Nicht nur hübsch angerichtet, sondern auch traumhaft abgeschmeckt. Nach diesem Frühstück mussten wir erst einmal recherchieren, wo wir da eigentlich gelandet waren.

Die Geschichte von Gloria begann 1997. Die drei Brüder Agron, Fatos und Ilir Doda waren aus Italien zurückgekehrt und eröffneten zunächst beim damaligen Parku Rinia eine Bar mit Restaurant und Pizzeria. Daher stammt auch das bis heute verwendete „Gloria from 1997“. Mit unserem heutigen Hotelgebäude hatte dieses Datum allerdings noch nichts zu tun.
2001 zog Gloria in die Villa an der Rruga Qemal Stafa. Zunächst befanden sich auch hier nur Bar, Restaurant und Pizzeria. Erst nach einem größeren Umbau im Jahr 2015 kam der Hotelbetrieb hinzu und daraus entwickelte sich das heutige Boutique Hotel Gloria. Was dabei offenbar nie verloren gegangen ist, ist der Anspruch an Gastfreundschaft – und genau den hatten wir seit unserer Ankunft in jeder Minute gespürt.
Auch am Abend zuvor: Als ich einem Kellner erzählt hatte, dass der Fernseher in unserem Zimmer nicht funktionierte, setzte er während unserer Abwesenheit alles daran, das Problem zu lösen. Am Ende war die Fernbedienung der Übeltäter. Irgendwo am Fernseher fand er schließlich noch einen Knopf, mit dem wir das Gerät wenigstens von Hand ein- und ausschalten konnten. Kein großes Problem, aber die Selbstverständlichkeit, mit der er sich darum kümmerte, passte perfekt zum Rest.

Das Gebäude selbst ist deutlich älter als Gloria. Sehr wahrscheinlich wurde die Villa bereits 1936 als privates Stadthaus der alten Tiranaer Familie Stërmasi errichtet. Genau in dieser Zeit veränderte sich Tirana unter König Zog grundlegend: Aus der noch stark osmanisch geprägten Kleinstadt sollte eine moderne europäische Hauptstadt werden. Unser Hotel gehört damit vermutlich noch zum Vorkriegs-Tirana – lange bevor die kommunistische Zeit das Stadtbild erneut veränderte.
Damit erklärte sich auch unser Eindruck vom Inneren. Grundriss, Treppenhaus, Proportionen und das Kaminzimmer wirken eben nicht wie Teile eines eigens errichteten Hotels. Gloria wurde vielmehr Stück für Stück in ein bereits vorhandenes gehobenes Stadthaus hineingebaut. Gerade solche Gebäude verschwinden im schnell wachsenden Tirana zunehmend zwischen Neubauten und Hochhäusern.

Wie sehr sich das Viertel inzwischen verändert hat, sieht man direkt nebenan. Zwischen den neuen und sanierten Häusern steht noch eine weitere alte Stadtvilla, deren Fassade ihre besten Zeiten deutlich hinter sich hat. Ein kleiner Zeitzeuge aus einem Tirana, das zwischen den modernen Hochhäusern immer seltener zu erkennen ist.

Zwischen altem Tirana und moderner Bebauung
Nach diesem wirklich ausgiebigen Frühstück machten wir uns noch einmal auf den Weg in die Innenstadt. Zum Glück standen ein paar Wolken am Himmel, dadurch war es einige Grad kühler und deutlich angenehmer zu laufen. Mittlerweile kannten wir außerdem die schattigen Pfade unter den Bäumen und konnten uns auf diese Weise recht angenehm durch die Stadt bewegen.
Als Erstes fiel uns ein modernes Gebäude auf, das offensichtlich Rücksicht auf ein winziges historisches Denkmal nehmen musste. Tatsächlich hatten wir richtig geschaut: Unter dem Komplex des TID Tower beziehungsweise des heutigen Maritim Plaza steht die Kapllan-Pascha-Türbe. Das osmanische Grabmal stammt von 1817 und steht unter Denkmalschutz. Beim Neubau wurde der massive Sockel deshalb regelrecht ausgeschnitten und um das kleine Monument herumgeführt. Ein ziemlich ungewöhnliches Nebeneinander von fast zweihundert Jahren Stadtgeschichte.

Das Ethnografische Museum stand zwar nicht auf unserem Plan, aber wir liefen direkt daran vorbei und blieben schon wegen des Gebäudes stehen. Es handelt sich um die Sarajet e Toptanëve, das ehemalige Stadthaus der einflussreichen Familie Toptani. Der große Wohnkomplex entstand in den 1830er-Jahren und gehört zu den wenigen erhaltenen herrschaftlichen Häusern aus dem alten Tirana. Hinter den massiven Mauern lagen ursprünglich zahlreiche Wohn- und Wirtschaftsräume rund um Innenhöfe. Bei unserem Besuch war das Haus leider geschlossen – von außen war es trotzdem sehenswert.

Tauben, Uhrenturm und Skanderbeg von oben
Den Uhrenturm hatten wir am Abend zuvor bereits gesehen, da war er allerdings geschlossen. Heute hatten wir mehr Glück. Für 200 Lek Eintritt durften wir hinauf.

Die erste Begeisterung hielt sich allerdings in Grenzen. Der Turm ist offenbar fest in der Hand der Tiranaer Tauben. Überall lagen Federn und entsprechende Hinterlassenschaften, und da das Treppenhaus teilweise offen ist, hatte man immer wieder das ungute Gefühl, dass von weiter oben noch etwas nachkommen könnte. Andere Länder, andere Sitten – Augen zu, möglichst nichts anfassen und weiter nach oben.

Oben wurden wir dafür mit einem schönen Blick über den Skanderbeg-Platz belohnt. Von hier ließen sich die verschiedenen Epochen der Stadt besonders gut nebeneinander betrachten. Direkt gegenüber fiel uns ein Gebäude mit einem überraschend üppigen Dachgarten auf. Was wir zunächst für ein Ministerium hielten, gehört tatsächlich zum Rathaus von Tirana. Von unten bekommt man von dieser grünen Oase kaum etwas mit.

Wieder unten am Uhrenturm angekommen hielt uns die Kassiererin freudestrahlend eine Flasche Desinfektionsmittel entgegen. Offenbar kannte sie das Problem. Als ich ihr sagte, sie solle sich vielleicht einen Habicht besorgen, wollte – oder konnte – sie mich nicht verstehen. Vielleicht war das auch besser so.

Direkt neben dem Uhrenturm steht die Et’hem-Bey-Moschee, eines der wenigen osmanischen Bauwerke, die im Zentrum Tiranas erhalten geblieben sind. Mit ihrem Bau wurde Ende des 18. Jahrhunderts begonnen, fertiggestellt wurde sie zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Besonders ungewöhnlich sind ihre Fresken: Statt ausschließlich geometrischer und floraler Ornamente zeigen sie auch Landschaften, Bäume, Wasserfälle und Gebäude. Während der kommunistischen Zeit war die Moschee wie die übrigen Gotteshäuser des Landes geschlossen. Anfang 1991 öffneten Gläubige sie wieder – noch vor dem endgültigen Zusammenbruch des Regimes wurde sie damit zu einem Symbol für die Rückkehr der Religionsfreiheit.

Am Rand des Platzes steht auch das Nationale Historische Museum. Es ist seit 2024 wegen einer umfassenden Sanierung geschlossen und soll nach derzeitiger Planung erst 2028 wieder öffnen. Seine riesige Fassade ist trotzdem kaum zu übersehen. Das Mosaik „Die Albaner“ von 1981 ist eines der markantesten erhaltenen Beispiele des albanischen sozialistischen Realismus.

Bei genauerem Hinsehen sieht man allerdings, dass auch dieses Kunstwerk nach dem Ende des Regimes verändert wurde. Zwei kommunistische Sterne verschwanden und aus dem roten Buch in der Hand des Arbeiters wurde ein neutralerer Gegenstand. Die Kunst blieb also hängen, ein Teil der politischen Symbolik nicht.
Ganz in der Nähe fanden wir noch eine weitere merkwürdige Figur: einen stark stilisierten Menschen, der eine Art Schale oder Feuer über dem Kopf trägt – wobei diese Schale selbst fast wieder wie ein Gesicht wirkt. Ein Hinweisschild fanden wir nicht, und auch später ließ sich das Werk nicht eindeutig einem Künstler oder Titel zuordnen. Im Umfeld der Kunstinstitutionen stehen in Tirana Werke aus verschiedenen Epochen nebeneinander. Ob diese Figur tatsächlich noch aus sozialistischer Zeit stammt, können wir deshalb nicht sicher sagen.

Bunk’Art 2 – der Staat unter der Stadt
Mittlerweile war es wieder 11:30 Uhr und die Temperatur stieg. Der perfekte Zeitpunkt also, unter die Erde zu verschwinden. Genau das war ohnehin geplant: Bunk’Art 2.
Der Bunker mitten im Zentrum war als Schutzraum für hochrangige Mitglieder des Regimes und insbesondere für das Innenministerium gedacht. Heute geht es dort weniger um Militärgeschichte als um den Machtapparat im Inneren des Landes. Die Ausstellung erzählt die Geschichte des albanischen Innenministeriums, vor allem aber von der Sigurimi, der gefürchteten Geheimpolizei. Überwachung, politische Verfolgung, Verhöre, Gefängnisse und die Kontrolle des täglichen Lebens werden in den engen Räumen ziemlich beklemmend dargestellt.

Schon der Eingang setzt den Ton. Auf den Wänden sind Fotos von Menschen zu sehen, die vom Regime verfolgt oder getötet wurden. Im Inneren folgen Dokumente, Überwachungstechnik und rekonstruierte Räume. Gerade weil der Bunker mitten in der heutigen, lauten und modernen Hauptstadt liegt, wirkt dieser Sprung in eine Vergangenheit, die noch gar nicht so lange zurückliegt, besonders stark.

The Cloud, Regierung und eine Pause im Grünen
Danach machten wir uns auf den Weg zu unserem nächsten Ziel, der ehemaligen Villa von Enver Hoxha. Unterwegs liefen wir durch „The Cloud“, auf Albanisch „Reja“. Diesmal war schnell klar: Das ist keine übrig gebliebene sozialistische Kunst.
Die begehbare Konstruktion aus einem weißen Stahlgitter stammt vom japanischen Architekten Sou Fujimoto. Er entwarf sie ursprünglich als Serpentine Pavilion 2013 für London. Die halbtransparente Struktur sollte irgendwo zwischen Architektur und Wolke schweben – daher der Name. Heute darf man in Tirana hindurchgehen, darauf sitzen und teilweise hineinklettern. Kunst zum Anfassen also, was uns nach all den Denkmälern und Museen ganz gut gefiel.

Weiter ging es in Richtung Regierungsviertel. Vieles zur Architektur entlang des großen Boulevards hatten wir uns bereits am Vortag angeschaut, diesmal fiel uns vor allem ein Gebäude auf, das vorne von Polizisten bewacht wurde und dessen Fassade ausgesprochen repräsentativ wirkte. An einer Stelle sah das große Vordach dagegen erstaunlich improvisiert beziehungsweise etwas mitgenommen aus.
Unsere Vermutung war richtig: Wir standen tatsächlich vor der Kryeministria, dem Amtssitz des albanischen Ministerpräsidenten. Das Gebäude selbst stammt aus der italienischen Planung Tiranas von 1939 bis 1941. Das auffällige Vordach ist allerdings kein notdürftiges Provisorium, sondern eine bewusst moderne Ergänzung von 2015. Dass seine Verkleidung bei unserem Besuch trotzdem ein wenig so aussah, als seien am Ende die Mittel ausgegangen, ist dann wohl eine andere Geschichte.

Vorher kamen wir noch am Rogner Hotel vorbei. Wir hatten den Tipp bekommen, einfach einmal in den Innenhof zu gehen. Und tatsächlich: Nach der Hitze und dem vielen Laufen durch Tirana war dieser Garten eine kleine Erholung für die Seele. Wobei man fairerweise sagen muss, dass Tirana insgesamt überraschend viele Bäume und grüne Ecken besitzt.
Als ich dann auch noch gezapftes Paulaner entdeckte, war die Entscheidung gefallen. Wir legten spontan eine Pause ein: für mich ein Bier, für Angela ein alkoholfreier Mojito. Man muss bei einem Kulturprogramm schließlich auch Prioritäten setzen.

Villa 31 – vom Machtzentrum zur Künstlerresidenz
Danach erreichten wir Villa 31, die ehemalige Residenz von Enver Hoxha. Sie liegt im Viertel Blloku, das während der kommunistischen Diktatur für normale Albaner vollständig gesperrt war. Hier lebte die politische Führung abgeschirmt vom Rest der Bevölkerung – und ausgerechnet Hoxhas eigenes Haus wurde zu einem der sichtbarsten Symbole dieser Trennung.
Die Villa basiert auf einem älteren Wohnhaus und wurde vor allem in den 1970er-Jahren für Hoxha und seine Familie stark erweitert. Hoxha lebte hier bis zu seinem Tod 1985. Jahrzehntelang blieb das Gebäude danach weitgehend verschlossen.
Heute hat es eine ziemlich bemerkenswerte neue Funktion. Villa 31 wurde von der Stiftung Art Explora zu einer internationalen Künstlerresidenz umgebaut. Seit 2025 leben und arbeiten hier Künstler und Forscher aus verschiedenen Ländern. Ausgerechnet in dem Haus eines Diktators, dessen System freie Kunst und freie Gedanken massiv kontrollierte, entstehen heute wieder Kunst, Diskussionen und neue Ideen. Eine bessere Pointe hätte man sich für dieses Gebäude eigentlich kaum ausdenken können.

Bunk’Art 1 – noch einmal unter die Erde
Als letzter Programmpunkt in Tirana stand noch Bunk’Art 1 auf dem Programm. Ursprünglich hatten wir es gar nicht auf dem Schirm. Nachdem unser Oberkellner beim Frühstück aber meinte, dass wir uns diesen Teil unbedingt anschauen sollten, bauten wir ihn kurzfristig noch ein.
Und der Unterschied zu Bunk’Art 2 ist gewaltig. Auch Bunk’Art 1 befindet sich in einem ehemaligen Atombunker, aber in deutlich größeren Dimensionen: fünf unterirdische Etagen, 106 Räume und rund 3.000 Quadratmeter. Gedacht war die Anlage als Schutzraum für Enver Hoxha und die politische sowie militärische Führung im Fall eines Angriffs.
Die heutige Ausstellung spannt einen wesentlich größeren historischen Bogen als Bunk’Art 2. Sie führt durch die Geschichte Albaniens im 20. Jahrhundert, von den politischen Umbrüchen und der italienischen Besetzung 1939 über den Zweiten Weltkrieg bis zur kommunistischen Diktatur und ihrem Ende. Uns interessierte natürlich auch der Bunker selbst, aber ein wenig zusätzliche albanische Geschichte konnte nach zwei Wochen im Land ebenfalls nicht schaden.
Am Ende summierte sich unsere Zeit unter der Erde auf gut zwei Stunden. Am eindrücklichsten blieben trotzdem nicht die dicken Türen und die langen Gänge, sondern die Menschen. Die vielen Opfer des Regimes, politische Gefangene, Verfolgte und auch diejenigen, die unter schwierigsten Bedingungen an solchen Anlagen arbeiten mussten. Bei all den Bunkern, die wir während unserer Reise überall in der Landschaft gesehen hatten, bekommt man hier noch einmal eine ganz andere Vorstellung davon, welcher menschliche und wirtschaftliche Aufwand hinter diesem System steckte.

Dass selbst so etwas Alltägliches wie Schule vollständig politisiert werden kann, war uns natürlich klar. Trotzdem wirkt es noch einmal anders, wenn man vor einer alten Schultafel steht und nachliest, wie Kinder über verschiedene Stufen der schulischen und außerschulischen Erziehung systematisch auf die sozialistische Ideologie ausgerichtet wurden. Nicht erst Erwachsene sollten überzeugt werden, sondern die Prägung begann bei den Kleinsten.
Da wird einem wieder bewusst, wie selbstverständlich Freiheit im eigenen Alltag oft erscheint – und wie wenig selbstverständlich sie eigentlich ist.

Zum Abschied noch nach Durrës
Gegen 16 Uhr machten wir uns schließlich auf den Weg nach Durrës. Bis zur Abfahrt der Fähre hatten wir noch genügend Zeit und wollten uns deshalb auch dort zumindest den historischen Kern anschauen. Außerdem beschlossen wir, diesmal etwas später zu essen – schließlich wussten wir nicht, wann und was wir später auf der Fähre noch bekommen würden.
Die erste Restaurantempfehlung führte uns zunächst an die moderne Uferpromenade und zu einem auffälligen Landungssteg. Eigentlich wollten wir zum Abschluss noch einmal traditionell albanisch essen. Als sich das empfohlene Lokal dann allerdings als Selbstbedienungsrestaurant herausstellte, entschieden wir uns doch für die zweite Alternative im Bereich der Altstadt.

Das war eine gute Entscheidung. Zum Abschied gab es noch einmal albanische Küche: Ich hatte geschmolzenen Käse und dazu ein Fleischgericht, Angela blieb bei verschiedenen Salaten. Und dann kam die eigentliche Überraschung. Nach unserer erfolglosen Suche in Gjirokastër stand es hier tatsächlich auf der Karte – und nicht nur das: Es gab Gjirokastra-Bier vom Fass. Damit konnten wir ausgerechnet wenige Stunden vor unserer Abreise auch noch diese kleine offene Rechnung mit Albanien begleichen.
Römer und Venezianer mitten in der Stadt
Mittlerweile war es etwa 19:30 Uhr geworden, aber für eine kleine Runde durch Durrës reichte die Zeit noch. Und dafür muss man nicht einmal weit laufen: Die moderne Stadt steht praktisch auf den Schichten ihrer mehr als zweitausendjährigen Geschichte.

Besonders eindrucksvoll ist das römische Amphitheater, das sich zwischen den heutigen Häusern regelrecht aus dem Boden schält. Es entstand zu Beginn des 2. Jahrhunderts unter Kaiser Trajan und bot schätzungsweise 15.000 bis 20.000 Zuschauern Platz. Damit gilt es als das größte römische Amphitheater auf dem Balkan. Nachdem die Arena ihre ursprüngliche Funktion verloren hatte, entstand innerhalb der Anlage später sogar eine kleine christliche Kapelle. Jahrhunderte geriet ein großer Teil des Bauwerks in Vergessenheit, bis das Amphitheater ab 1966 wieder freigelegt wurde.
Nur wenige Minuten weiter trifft man auf die nächste historische Schicht der Stadt: den Venezianischen Turm. Die mächtige Rundbastion wurde im 15. Jahrhundert während der venezianischen Herrschaft auf den Resten einer älteren byzantinischen Befestigung errichtet. Mit rund 16 Metern Durchmesser wirkt sie zwischen den heutigen Straßen immer noch erstaunlich massiv. Genau dieses Nebeneinander gefiel uns an Durrës: römische Arena, byzantinische Mauern, venezianische Befestigungen und moderne Stadt liegen teilweise nur wenige Schritte auseinander.

Zum Schluss liefen wir noch einmal hinunter an die Riviera. Auch hier zeigte sich Durrës von seiner modernen Seite. Zwischen Promenade, Strand und Neubauten stießen wir auf ein weiteres Kunstwerk, bei dem wir wieder einmal stehen blieben. Durch seine Form und den freien Blick aufs Meer wirkte es für uns fast wie ein Tor zum Horizont – und irgendwie passte auch das ganz gut zu unserem letzten Abend in Albanien.

Mercedes, E-Autos und unbekannte Marken
Nach zwei Wochen auf albanischen Straßen waren uns bei den Autos noch zwei Dinge besonders aufgefallen. Das erste war wenig überraschend: Mercedes scheint in Albanien nach wie vor eine ganz besondere Stellung zu haben. Uns wurde mehrfach erzählt, dass sich die Marke vor allem in Zeiten der wesentlich schlechteren Straßen einen Ruf für robuste und langlebige Fahrzeuge erworben habe. Dieser Ruf scheint bis heute nachzuwirken. Neben vielen älteren Modellen sahen wir inzwischen aber auch erstaunlich viele neue und teilweise ausgesprochen luxuriöse Mercedes mit albanischen Kennzeichen.
Genauso auffällig waren die vielen dicken Autos mit deutschen, italienischen, französischen und vor allem schweizerischen Kennzeichen. Bei manchen großen Mercedes, BMW oder SUVs witzelten wir irgendwann nur noch über den „albanischen Deutschen“, den „albanischen Franzosen“ oder den „albanischen Schweizer“. Ob unsere Vermutung im Einzelfall stimmte, konnten wir natürlich nicht wissen. Aber die große albanische Diaspora war auf den Straßen während der Urlaubssaison kaum zu übersehen – und offenbar kommt so mancher gerne mit dem eigenen dicken Auto in die alte Heimat zurück.
Die zweite Überraschung war für uns wesentlich größer: die enorme Zahl an Elektroautos. Nicht nur in Tirana begegneten uns sehr viele Stromer, darunter auffällig viele chinesische Modelle. Teilweise trugen die Fahrzeuge sogar noch chinesische Schriftzeichen. Dazu kamen Marken, deren Namen wir noch nie gehört hatten und die auf dem deutschen oder mitteleuropäischen Markt überhaupt nicht oder kaum vertreten sind.
Bei unserer späteren Recherche fanden wir dafür zumindest einen Teil der Erklärung. Albanien hat Elektroautos steuerlich begünstigt und unter anderem Gebühren bei der Erstzulassung reduziert beziehungsweise abgeschafft. Gleichzeitig wurde der Ausbau der Ladeinfrastruktur vorangetrieben; entsprechende Planungen sahen zunächst Ladepunkte in Grenz- und Küstenregionen und anschließend im übrigen Land vor. Zusammen mit den vergleichsweise unkomplizierten Importmöglichkeiten dürfte das den Umstieg auf Elektroautos deutlich attraktiver gemacht haben. Auffällig ist außerdem, dass die Ladeinfrastruktur nicht nur die in Europa üblichen Anschlüsse unterstützt, sondern teilweise auch den chinesischen GB/T-Standard. Damit lassen sich direkt aus China importierte Elektroautos betreiben, ohne sie zunächst auf europäische Ladetechnik umrüsten zu müssen.
Auch MG begegnete uns erstaunlich häufig. Nachdem wir selbst einen elektrischen MG fahren, fiel uns das natürlich besonders schnell auf. Allerdings waren die meisten albanischen MG, die wir sahen, noch Verbrenner oder Hybride. Trotzdem war es interessant, eine Marke, die in Deutschland erst seit wenigen Jahren wieder stärker wahrgenommen wird – von Kroatien ganz zu schweigen –, hier so häufig im alltäglichen Straßenbild zu finden.
Die letzten Meter in Albanien
Dann blieb wirklich nur noch ein letzter Punkt auf unserer albanischen Liste: tanken. Danach ging es direkt zum Fährhafen. Die Ausreiseformalitäten waren schnell erledigt, die albanische Grenze lag bereits hinter uns und nun standen wir mit dem Mini gewissermaßen im Niemandsland und warteten darauf, für die Fähre einchecken zu können.

Was von Albanien bleibt
Jetzt, mit der Fähre bereits vor Augen, kam dann doch ein wenig Wehmut auf. Wie schnell waren diese zwei Wochen in Albanien vergangen – und wie viele Erinnerungen hatten wir inzwischen gesammelt.
Die allermeisten waren positiv. Natürlich gab es auch ein paar Momente, bei denen wir uns nur verwundert anschauten. Wie heute die Frau in der Touristeninformation, die uns erklärte, eine bestimmte Broschüre sei nichts für uns. Wir fragten, ob sie vielleicht nur auf Albanisch sei. Nein, sie sei auf Englisch – aber trotzdem nichts für uns. Wir nahmen sie dennoch mit und befanden anschließend selbst, dass die englische Broschüre über Tirana durchaus etwas für uns war.
Oder der Autofahrer, der die Fahrbahnmarkierung kurzerhand zu seiner persönlichen Fahrspur erklärt hatte. Als ich ihn anhupte, weil er mir dadurch den Weg abschnitt, bekam ich zur Erklärung noch den Mittelfinger gezeigt. Auch eine Form der internationalen Kommunikation.
Daneben blieben allerdings zwei Dinge negativ hängen. Das eine war der Müll, der uns immer wieder am Straßenrand und leider auch mitten in der Natur begegnete. Allein der Weg von einer Kirche zurück zum Parkplatz war mit Plastikflaschen und anderem Abfall übersät. Da fragt man sich irgendwann schon: Wer soll das alles wieder wegräumen?
Und so sehr wir die Ruhe und Gelassenheit der Menschen insgesamt als angenehm empfanden – beim Autofahren konnte uns davon manchmal auch etwas zu viel begegnen. Mit 40 km/h über eine freie Landstraße zu rollen, während sich dahinter langsam eine Schlange bildet, war selbst für unsere inzwischen deutlich entschleunigte Fahrweise dann doch etwas zu gemütlich.
Aber das waren eher die Ausnahmen. Was hängen bleibt, sind die vielen Menschen, die uns freundlich begrüßten, uns halfen, wenn wir nicht weiterwussten, erstaunlich geduldig waren und fast immer noch ein Lächeln übrig hatten. Menschen, die uns den Weg erklärten, etwas zeigten, organisierten oder einfach versuchten, unseren Aufenthalt angenehmer zu machen.
So behalten wir Albanien in Erinnerung: ein Land voller Kontraste, mit Ecken und Kanten, manchmal etwas chaotisch und immer wieder überraschend – aber vor allem mit sehr vielen offenen und hilfsbereiten Menschen.



