
Ein Morgen ohne Klimaanlage
Nach einer wunderbar ruhigen Nacht starteten wir langsam in den Tag. Und wie schon am Abend zuvor festgestellt: Vor allem ohne Klimaanlage und mit offenem Fenster schläft es sich in unserem Trullo erstaunlich gut. Auch morgens war diese Ruhe herrlich. Einfach im Garten sitzen, das Frühstück vorbereiten und noch keinen festen Zeitplan im Nacken haben – ein ganz anderer Einstieg in den Tag.
Unser Vermieter hatte das Frühstück am Vortag bereits so weit vorbereitet, dass alles in der Küche bereitlag und wir es eigentlich nur noch nach draußen tragen mussten. Beim Frühstück entstand dann auch die Tagesplanung. Statt einer großen Etappe wollten wir einfach in der näheren Umgebung herumfahren, uns treiben lassen und schauen, was das Valle d’Itria so hergibt.
Ceglie Messapica und San Rocco
Unser erstes Ziel war Ceglie Messapica. Ich hatte den Ort auf unsere Liste gesetzt, weil er im Vergleich zu Alberobello oder Ostuni deutlich weniger touristisch wirkt und als eine der kulinarischen Hochburgen des Valle d’Itria gilt. Dazu kommen ein kompakter historischer Ortskern, das Castello Ducale und eine schöne Lage zwischen Olivenhainen, Trockenmauern und Trulli. Kein Ort mit dem einen großen spektakulären Wahrzeichen, sondern eher einer, bei dem Atmosphäre und Alltag den Reiz ausmachen.

Als wir ankamen, war es allerdings gleichzeitig sehr ruhig und doch irgendwie geschäftig. Der Grund stand buchstäblich überall auf den Straßen: Ceglie Messapica feierte an diesem 16. August San Rocco, einen der Schutzheiligen der Stadt. Überall wurden die typischen Gerüste der süditalienischen Luminarie aufgebaut beziehungsweise fertiggestellt – riesige Bögen und Ornamente, die am Abend mit Tausenden kleinen Lampen leuchten sollten. Einige Straßen waren dafür bereits gesperrt.

Abends sollte auf der Piazza Plebiscito noch das große Blasorchester spielen und um Mitternacht ein Feuerwerk folgen. Davon war am späten Vormittag natürlich noch nicht viel zu spüren. Die Cafés und Restaurants wirkten ebenfalls eher im Ruhemodus, sodass uns nichts wirklich zum längeren Verweilen einlud. Also drehten wir gemütlich unsere Runde durch den Ort und fuhren weiter.
Auf der Jagd nach apulischem Olivenöl
Da wir nun schon mitten in einer der großen Olivenregionen Italiens waren, hatten wir uns für den weiteren Weg einige Ölmühlen und Olivenbauern herausgesucht. Landschaftlich war das schon einmal ein voller Erfolg. Mit dem Cabrio ging es über kleine Straßen zwischen Trockenmauern, Trulli und teilweise gewaltigen alten Olivenbäumen hindurch – genau die Art von Strecke, für die wir den Mini genommen hatten.

Beim geplanten Olivenölkauf waren wir dagegen weniger erfolgreich. Keine der ausgesuchten Adressen hatte geöffnet. Ganz überraschend war das eigentlich nicht: Es war Sonntag, direkt nach Ferragosto, und in Ceglie gleichzeitig San-Rocco-Fest. Und eine arbeitende Olivenpresse hätten wir im August ohnehin nicht erleben können, denn die Olivenernte beginnt ja erst im Herbst. Wir hätten uns schon mit einem geöffneten Verkaufsraum zufriedengegeben – aber selbst das war uns heute nicht vergönnt.

Dabei gehört Olivenöl zu Apulien wie die Trulli zum Valle d’Itria. Die Region ist Italiens größtes Olivenanbaugebiet und liefert einen erheblichen Teil des italienischen Olivenöls. Besonders eindrucksvoll ist die Landschaft zwischen Ostuni und der Adriaküste, wo zwischen Trockenmauern teilweise jahrhundertealte, knorrige Olivenbäume stehen. Manche der monumentalen Exemplare sind weit über tausend Jahre alt. Das erklärt auch, warum man hier nicht einfach nur durch landwirtschaftliche Nutzflächen fährt: Diese Olivenhaine gehören ebenso zur Kulturlandschaft Apuliens wie die weißen Städte.
Ostuni – jetzt wirklich die weiße Stadt
Nach so viel Natur und erfolgloser Olivenölsuche war unser nächster Stopp Ostuni, die berühmte La Città Bianca. Schon von weitem sieht man den fast vollständig weißen historischen Stadtkern auf seinem Hügel über der Ebene liegen. Das Weiß ist kein moderner Marketingtrick: Die Häuser wurden traditionell mit Kalk gestrichen, was die engen Gassen heller machte und gleichzeitig hygienische Vorteile hatte. Heute sorgt es vor allem dafür, dass sich hinter nahezu jeder Ecke ein neues Fotomotiv auftut.

Auch hier fanden wir wieder erstaunlich problemlos einen zentralen Parkplatz und gingen Richtung Piazza della Libertà. Unterwegs fiel uns eine Treppe auf, deren Stufen mit italienischen Sprüchen und Zitaten beschriftet sind. Kein jahrhundertealtes Denkmal, sondern eher eine dieser kleinen modernen Ideen, die hervorragend zu Ostuni passen: Man steigt Stufe für Stufe nach oben und liest sich dabei gewissermaßen durch ein kleines Poesiealbum.

Auch in Ostuni standen überall die großen Konstruktionen für die kunstvollen Festbeleuchtungen. Tagsüber sehen diese Holz- und Metallgerüste mit ihren unzähligen kleinen Fassungen noch etwas merkwürdig aus – nachts verwandeln sie ganze Straßen in leuchtende Tunnel.

Auf der Piazza wollten wir eigentlich nur etwas trinken. Das ist bei uns bekanntlich manchmal gefährlich. Die Speisekarte sah nämlich deutlich zu einladend aus, und so bestellte ich mir eine gemischte apulische Vorspeisenplatte. Dazu erst ein und dann ein zweites gezapftes Bier. Angela nahm eine Bruschetta und ein Glas Wein. Alles sehr lecker – und schon waren für unseren eigentlich gar nicht geplanten Mittagssnack rund 50 Euro weg.

Danach machten wir das, was Norbert immer so schön nennt: uns einfach treiben lassen. Ohne Liste von Sehenswürdigkeiten ging es durch die weißen Gassen, unter Bögen hindurch, Treppen hinauf und wieder hinunter. Genau dafür eignet sich Ostuni eigentlich am besten.





Olivenhaine und zwei Abkühlungen an der Adria
Der nächste geplante Programmpunkt war Baden. Vorher standen allerdings noch zwei mögliche Olivenbauern auf unserer Liste. Also noch einmal mit einem kleinen Umweg hinein in die Olivenhaine. Die Straßen waren wunderbar, die Landschaft ebenso – nur beim Einkauf blieb es dabei: Auch diese beiden Adressen waren geschlossen.

Dafür hielten wir anschließend gleich an zwei Stellen zum Baden. Die erste lag an der naturbelasseneren Küste bei Torre Pozzelle. Nach der Beschreibung hatten wir mit einer überwiegend felsigen Badestelle gerechnet. Tatsächlich liegen hier mehrere kleine Buchten zwischen den Felsen, die in der Mitte durchaus Sand haben. Und genau dort hatte sich an diesem Sonntagnachmittag gefühlt halb Apulien versammelt.
Schon die Parkplatzsuche war etwas mühsam, und anschließend mussten wir bei der Hitze auch noch ein Stück bis zum Wasser laufen. Vielleicht waren es nur 500 Meter, aber bei den Temperaturen fühlt sich auch ein halber Kilometer plötzlich erstaunlich lang an. Nach einer guten Stunde im Wasser und anschließendem Trocknen ging es weiter.

Die zweite Badestelle war völlig anders. Diesmal landeten wir in Costa Merlata, einem kleinen Küstenort mit Uferpromenade. Auch dort wechseln sich felsige Abschnitte mit kleinen Sandbuchten ab. Wir sprangen noch einmal ins Wasser, kühlten uns ab und machten uns danach wieder auf den Weg ins Landesinnere. Schließlich hatten wir für den Abend noch etwas Besonderes vor.
Cisternino und das Prinzip Metzgerei plus Grill
Nachdem wir uns auch hier von sämtlichen Warnungen vor Sonntags-, Ferien- und Parkplatzchaos nicht hatten abschrecken lassen, fuhren wir in Cisternino wieder ziemlich direkt Richtung Altstadt – und fanden tatsächlich einen Parkplatz. Was in Italien inzwischen wirklich hervorragend funktioniert, ist EasyPark. Parkzeit starten, bei Bedarf vom Handy aus verlängern und direkt über die App bezahlen. Sehr angenehm, wenn man nicht ständig zum Auto zurücklaufen möchte.

Auch Cisternino könnte problemlos den Beinamen „weiße Stadt“ tragen. Der kompakte historische Kern besteht aus einem Gewirr heller Häuser, kleiner Plätze, Bögen und schmaler Gassen. Wir ließen uns zunächst wieder einfach hindurchtreiben. Außerdem war es noch nicht 19 Uhr – und mittlerweile hatten wir gelernt, dass man in Italien vor 19 Uhr über ein richtiges Abendessen besser gar nicht erst nachdenkt. Für gutes Essen wartet man dann eben.

Cisternino ist kulinarisch vor allem für seine Fornelli Pronti bekannt. Das sind Metzgereien, in denen man sein Fleisch direkt an der Theke aussucht und es anschließend im dazugehörigen Ofen oder Grill zubereiten lässt. Metzgerei und Restaurant sind also praktisch ein und derselbe Betrieb. Besonders bekannt sind die Bombette: kleine aufgerollte Stücke Schweinefleisch, häufig mit Käse und anderen Zutaten gefüllt und anschließend gegrillt.

Wir hatten uns dafür Zio Pietro in der Nähe des Uhrenturms herausgesucht. Die Metzgerei gibt es bereits seit 1927 und sie gehört zu den bekannten Adressen für dieses typische Cisternino-Konzept. Als wir ankamen, stand bereits eine ziemlich lange Schlange vor dem Eingang. Unser erster Gedanke war: Wenn die alle ins Restaurant wollen, können wir das vergessen. Wir hatten nur das Konzept noch nicht ganz verstanden.

Zio Pietro öffnete um 19 Uhr – und bis dahin standen wir schlicht vor der noch geschlossenen Metzgerei. Punkt sieben gingen die Türen auf und die Schlange wurde erstaunlich schnell kürzer. Drinnen suchten wir an der Fleischtheke aus, was später auf unseren Tellern landen sollte, bekamen die Nummer 25 und suchten uns anschließend einen Platz. Dazu bestellten wir eine Ofenkartoffel und Salat, ein kleines und ein großes Bier.

Das Essen war ausgezeichnet, und auch geschmacklich war das für uns ein völlig neues Erlebnis. Vor allem die Bombette erinnerten ein wenig an kleine Rouladen – nur eben gegrillt und mit ganz unterschiedlichen Füllungen und Geschmacksvariationen. Man bestellt nicht einfach ein fertiges Gericht von einer Speisekarte, sondern sucht sich vorher an der Metzgereitheke genau das aus, worauf man gerade Lust hat. Gerade dieses unkomplizierte Prinzip hat uns richtig gut gefallen.

Und das Ganze war nicht nur gut, sondern auch preislich überraschend angenehm. Am Ende zahlten wir für unser komplettes Abendessen 48 Euro – also sogar weniger als für unseren ungeplanten Snack am Mittag in Ostuni. Manchmal sind die einfachsten Konzepte eben doch die besten.
San Rocco in Locorotondo
Eigentlich hätten wir danach gemütlich zurück zum Trullo fahren können. Aber nachdem wir den ganzen Tag in mehreren Orten die Festbeleuchtungen und Vorbereitungen gesehen hatten und uns erzählt worden war, dass in Locorotondo an diesem Abend besonders groß gefeiert werde, konnten wir natürlich nicht einfach zum Schlafen fahren.
Also auf nach Locorotondo. Und ihr glaubt es nicht: Auch hier fuhren wir wieder ziemlich zielstrebig Richtung Zentrum. Im Augenwinkel sah ich plötzlich, wie ein Auto auf einen Acker abbog und dort parkte. Keine weitere Diskussion – hinterher. Am Ende standen wir kostenlos und keine fünf Minuten zu Fuß von der Innenstadt entfernt. Manchmal funktioniert unsere Parkplatzstrategie erstaunlich gut.
Der Anlass war wieder San Rocco, diesmal allerdings der Schutzpatron von Locorotondo. Die Festa di San Rocco gehört hier seit dem 18. Jahrhundert zu den großen Ereignissen des Jahres. Dazu gehören Gottesdienste und Prozessionen ebenso wie Blasmusik, Marktstände und die spektakulären Luminarie, die sich wie leuchtende Tore über die Straßen spannen.

Während wir durch die Gassen streiften, hörten wir plötzlich Blasmusik. Und tatsächlich zog kurz darauf direkt an uns eine Prozession vorbei. Die Statue des heiligen San Rocco wurde begleitet von Geistlichen, Musikern und Gläubigen durch die Stadt getragen, bevor der Zug schließlich wieder an der Kirche endete. Den kirchlichen Teil ließen wir dann allerdings aus.
Der eigentliche Höhepunkt wäre erst deutlich später gekommen. Am 16. August findet in Locorotondo traditionell die Sagra Pirotecnica della Valle d’Itria statt. 2026 war es bereits die 66. Ausgabe dieses Feuerwerkswettbewerbs. Mehrere Pyrotechnikfirmen treten dabei gegeneinander an und schießen ihre Feuerwerke unten in der Valle d’Itria ab. Weil Locorotondo oben auf dem Hügel liegt, schaut man von der Stadt praktisch auf das Feuerwerk hinunter. Beginn war allerdings erst um Mitternacht.

Ursprünglich hatten wir sogar überlegt, in Locorotondo zu essen. Im Nachhinein waren wir heilfroh, dass wir das bereits in Cisternino erledigt hatten. Zwischen den Menschenmassen und Marktständen war alles ziemlich unübersichtlich, und kulinarisch fanden wir dort nicht viel, das uns gereizt hätte. Viel Ramsch und Trödel, Süßigkeiten in allen Farben – und nicht einmal ein vernünftiges gezapftes Bier konnten wir entdecken.

Wir gingen noch einmal durch die beleuchteten Gassen zum Hauptplatz, hörten eine Weile der Musik zu und fragten uns dabei ein bisschen, was genau eigentlich den Reiz dieser großen süditalienischen Patronatsfeste ausmacht. Es ist eine Mischung aus religiöser Tradition, Jahrmarkt, Familientreffen, Blasmusik und Volksfest. Mit einem Karneval oder einem klassischen deutschen Volksfest lässt es sich kaum vergleichen. Die Menschen laufen durch die Stadt, treffen Bekannte, schauen sich die Luminarie an und warten auf die nächsten Programmpunkte. Wahrscheinlich muss man damit aufgewachsen sein, um die ganze Bedeutung dahinter wirklich zu verstehen.
Ein kleiner Bewohner unseres Trullos
Eigentlich hatten wir vorgehabt, bis zum Feuerwerk zu bleiben. Gerade die Vorstellung, von oben auf die Feuerwerke im Tal zu schauen, hatte schon etwas. Nach diesem langen Tag war unsere Motivation gegen 22 Uhr allerdings deutlich kleiner geworden. Bis Mitternacht waren es noch zwei Stunden – und danach hätten wir uns zusammen mit Tausenden anderen auf den Heimweg machen dürfen. Also entschieden wir uns für die vernünftigere Variante und fuhren zurück zu unserem Trullo.
Und dort wartete dann noch eine kleine Überraschung auf uns. In unserer Küche hatte sich ein Skorpion einquartiert. Nach seinem Aussehen dürfte es sich um einen Vertreter der in Italien verbreiteten Gattung Euscorpius handeln. Die genaue Art lässt sich anhand eines Fotos kaum zuverlässig bestimmen. In alten Steinmauern, Spalten und Ruinen fühlen sich diese kleinen Skorpione jedenfalls ausgesprochen wohl – womit ein Trullo eigentlich eine ziemlich perfekte Unterkunft für sie ist.

Zum Glück sind die europäischen Euscorpius-Arten eher ein Schreck als eine ernsthafte Gefahr für Menschen. Ein Stich kann zwar schmerzhaft sein, verursacht normalerweise aber vor allem lokale Beschwerden. Trotzdem musste unser kleiner Mitbewohner natürlich nicht unbedingt die Nacht gemeinsam mit uns in der Küche verbringen.
Rings um uns hörten wir noch Musik und Feierlichkeiten aus den umliegenden Orten und befürchteten kurz, dass uns San Rocco nun doch noch die halbe Nacht begleiten würde. Nach Ceglie Messapica, Olivenhainen, Ostuni, zwei Badepausen, Cisternino und Locorotondo waren wir allerdings so hundemüde, dass auch das kein Problem mehr war. Wir fielen ins Bett und schliefen wieder wie die Steine unseres Trullos.
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