
Ein italienisches Frühstück zum Abschied
Nach einer geruhsamen Nacht und einem ersten Kaffee auf dem Zimmer packten wir alles zusammen. Bevor wir Matera verließen, wollten wir noch eine kleine Runde durch die Stadt drehen.

Unser im Übernachtungspreis enthaltenes Frühstück gab es in einer Bäckerei in einer Querstraße, und dort lernten wir gleich ein wenig italienischen Alltag: Beim Betreten erst einmal ein kräftiges „Buongiorno“ in den Raum rufen und dann an der Theke seine Wünsche loswerden. Die Auslage sah ausgesprochen vielversprechend und kalorienreich aus – für uns gab es trotzdem nur Cappuccino und Croissant.

Nach den üppigen Frühstücken der vergangenen Wochen in Albanien fühlte sich diese italienische Variante allerdings ein wenig übersichtlich an. Wirklich gesättigt waren wir noch nicht – also nahmen wir uns kurzerhand noch ein Eis auf die Faust mit. So ließ sich der Abschied von Matera durchaus aushalten.
Baumkunst auf der Piazza del Sedile
Zunächst kamen wir an der Piazza del Sedile vorbei. Dort fiel Angela sofort eine außergewöhnliche Skulptur ins Auge: eine große Kugel, aus der ein Olivenbaum zu wachsen scheint. Das Werk stammt vom italienischen Bildhauer Andrea Roggi, bei dem der „Tree of Life“, der Lebensbaum, immer wieder auftaucht. Zusammen mit der steinernen Fassade der Kirche San Francesco d’Assisi ergab sich natürlich sofort ein Fotomotiv.

Von dort schoben wir uns weiter durch die engen Gassen. Es war Samstag, und entsprechend mischten sich Einheimische und Touristen vor den Cafés und in den kleinen Straßen der Altstadt. Unser eigentliches Ziel lag allerdings nicht zwischen den Häusern, sondern darunter.
Fünf Millionen Liter unter dem Marktplatz
Eine der Empfehlungen für unseren letzten Vormittag war der Palombaro Lungo unter der Piazza Vittorio Veneto, an der auch der Palazzo dell’Annunziata liegt.

Die riesige unterirdische Zisterne entstand in mehreren Bauphasen ab dem 16. Jahrhundert, indem vorhandene Hohlräume erweitert und miteinander verbunden wurden. Rund 50 Meter lang und bis zu etwa 16 Meter tief konnte sie ungefähr fünf Millionen Liter Wasser aufnehmen. Regen- und Quellwasser wurden hier gesammelt und dienten als wichtige Reserve für die Bewohner Materas. Die Wände wurden mit dem wasserundurchlässigen Cocciopesto verputzt, einer Mischung auf Basis zermahlener Terrakotta.

Oben auf dem Platz befand sich ein Brunnen mit sechs Öffnungen, durch die die Materaner ihre Eimer hinunterließen und Wasser aus der Zisterne schöpften. Ende der 1920er-Jahre verlor der Palombaro Lungo mit dem Anschluss Materas an den Acquedotto Pugliese seine Funktion. Erst 1991 wurde die gewaltige Anlage bei Arbeiten unter der Piazza wieder vollständig erschlossen.

Technisch und historisch ist das zweifellos beeindruckend. Bei mir sprang der Funke trotzdem nicht so richtig über. Wegen der aktuellen Wegführung waren Ein- und Ausgang derselbe, und so schoben sich die Menschenmassen durch ein einziges Loch in der Erde hinein und wieder hinaus. Ja, es ist erstaunlich, welche riesige Höhle hier geschaffen wurde, und das gesamte Wassersystem Materas war eine Meisterleistung. Nach den vielen Höhlen, unterirdischen Anlagen und architektonischen Errungenschaften, die wir auf unserer Reise bereits gesehen hatten, blieb für mich am Ende aber doch ein wenig das Gefühl: eine sehr große Höhle mit Wasser unten und einem Stahlsteg, auf dem wir herumkraxeln durften.
Kirche, Ölmühle, Weinkeller und Wohnung
Auf dem Rückweg liefen wir noch einmal hinunter in die Sassi. In einem kleinen Geschäft entdeckten wir dabei die typischen ornamentierten Lüftungsrosetten, die man hier immer wieder sieht. Da wir bei uns im Kutak bisher nur einfache Plastikabdeckungen vor den Lüftungsöffnungen haben, deckten wir uns spontan mit vier Exemplaren mit kirchlichen Motiven ein. Souvenirs können bei uns eben auch einmal einen ganz praktischen Nutzen haben.
Wenig später kamen wir an einem Schild vorbei, das ein Höhlensystem bewarb, in dem nicht nur die frühere Lebensweise, sondern auch Wein- und Olivenölverarbeitung zu sehen sein sollten. In unseren Unterlagen war davon nichts zu finden gewesen und auch bei unserer vorherigen Internetrecherche war es uns nicht aufgefallen. Also wurden wir neugierig und gingen hinein.

Eine nette Dame begrüßte uns und erklärte uns auf Deutsch und Englisch, was wir da eigentlich vor uns hatten. Es handelte sich um das Complesso rupestre di San Giorgio al Paradiso, ein unterirdisches System im Sasso Barisano, an dem sich wunderbar ablesen lässt, wie sich die Nutzung der Höhlen Materas über Jahrhunderte veränderte.

Der vordere Bereich war ursprünglich eine mittelalterliche Felsenkirche, die dem heiligen Georg geweiht war. Später verlor sie ihre religiöse Funktion und wurde zur Ölmühle umgebaut. Danach dienten Teile des Komplexes als Weinkeller und zur Weinverarbeitung, andere Bereiche schließlich sogar als Wohnraum. Auch die vorhandenen Becken und Zisternen wurden je nach Nutzungsphase unterschiedlich eingesetzt – zur Wasserspeicherung und im Zusammenhang mit der Verarbeitung und Lagerung von Öl und Wein. So wurde nichts neu gebaut, wenn sich das Vorhandene irgendwie weiterverwenden ließ.

Gerade diese ständigen Veränderungen fanden wir viel spannender als eine perfekt restaurierte einzelne Höhlenwohnung. An den Wänden, Böden und Durchbrüchen konnte man förmlich ablesen, dass jede Generation einfach das weiterbenutzte, was die vorherige hinterlassen hatte. Aus Kirche wurde Arbeitsplatz, aus Wasserspeicher ein Teil der landwirtschaftlichen Produktion und aus ehemaligen Wirtschaftsräumen schließlich Wohnraum.

Insgesamt ist die Anlage sehr gut restauriert. Ob der Fußboden im Fischgrätenmuster tatsächlich original erhalten oder erst bei der Restaurierung ergänzt worden ist, konnten wir allerdings nicht herausfinden.

Matera ist wirklich eine tolle Stadt. Aus der ursprünglich einmal geplanten Stunde waren am Ende wieder fast drei geworden. Erst nach 12 Uhr kamen wir tatsächlich los – und damit wechselten wir nun endgültig von der Basilikata nach Apulien.

Die ersten Trulli zwischen den Feldern
Heute stand nur eine überschaubare Etappe bis in die Gegend von Martina Franca an. Wir blieben bewusst auf den Landstraßen und vermieden die Schnellstraße. Vor dem Verkehr am 15. August, dem Ferragosto, waren wir mehrfach gewarnt worden. Halb Italien, so schien es nach den Vorhersagen, sollte gleichzeitig unterwegs sein. Tatsächlich ließ es sich erstaunlich normal fahren.
Unsere Route hatten wir bewusst über Alberobello gelegt, den wohl bekanntesten Ort der Trulli. Schon bevor wir die Stadt erreichten, tauchten zwischen Feldern und Olivenbäumen die ersten dieser eigenartigen Steinhäuser auf. Ein einzelnes Kegeldach zwischen den Bäumen, dann zwei, dann ganze Gruppen – man merkt ziemlich schnell, dass man im Valle d’Itria angekommen ist.

Trulli – im Singular Trullo – werden aus dem örtlichen Kalkstein in Trockenbauweise errichtet, also weitgehend ohne Mörtel. Besonders auffällig sind die kegelförmigen Dächer. Sie bestehen aus immer weiter nach innen vorkragenden Steinlagen und werden außen mit dünnen Kalksteinplatten, den sogenannten chiancarelle, gedeckt. Die dicken Mauern sorgen gleichzeitig dafür, dass es im Sommer vergleichsweise kühl und im Winter wärmer bleibt. Alberobello besitzt mehr als 1.500 dieser Bauten und gehört seit 1996 zum UNESCO-Welterbe.
Zwischen Kegeldächern in Alberobello
Trotz aller Warnungen vor dem Feiertagsverkehr fuhren wir mit dem Mini bis fast in die Innenstadt. Einen Parkplatz fanden wir überraschend schnell am Rand des historischen Zentrums, und gleich um die Ecke begann bereits die erste Häuserzeile aus Trulli.
Besonders auffällig sind die weißen Zeichen auf manchen Kegeldächern. Sie sehen tatsächlich ein wenig nach Geheimschrift aus. Traditionell finden sich dort christliche, mythologische, astrologische oder andere symbolische Motive: Kreuze, Herzen, Sonnen, Monde oder Sterne. Viele sollten Haus und Bewohner schützen, Unglück abwehren oder Glück bringen. Auch die steinernen Spitzen auf den Dächern, die pinnacoli, hatten neben ihrer dekorativen Funktion symbolische Bedeutung und konnten mit dem jeweiligen Baumeister oder einer Familie verbunden sein.

Ganz so geheimnisvoll und uralt ist allerdings nicht jedes Zeichen, das man heute sieht. Einige der bekannten Symbole wurden erst bei Restaurierungen im 20. oder 21. Jahrhundert wieder aufgemalt oder sogar neu gestaltet. Man sollte also nicht versuchen, hinter jedem weißen Strich eine jahrhundertealte Botschaft zu entschlüsseln. Schön anzusehen sind sie trotzdem.
Gut zwei Stunden liefen wir bei ordentlicher Nachmittagshitze zwischen den weißen Häusern und grauen Kegeldächern umher. Danach brauchten wir erst einmal eine Erfrischung in einem kleinen Hinterhof, bevor wir uns langsam wieder zum Mini treiben ließen.

Heute schlafen wir selbst im Trullo
Nach einer kurzen Fahrt erreichten wir unsere Unterkunft auf dem Land bei Martina Franca. Der Kern des kleinen Hauses, in dem sich heute die Küche befindet, ist tatsächlich ein Trullo. Für Bad und Schlafzimmer wurde später ein kleiner moderner Anbau ergänzt. Zusammen ergibt das eine sehr schöne, gemütliche kleine Anlage – und nach unserem Rundgang durch Alberobello passte es natürlich perfekt, nun selbst in einem Trullo zu übernachten.


Apulien auf dem Teller
Unser Gastgeber hatte uns für den Abend ein Restaurant direkt in Martina Franca empfohlen, nur etwa vier Kilometer von unserer Unterkunft entfernt. Natürlich suchten wir uns eines aus, das apulische Spezialitäten auf der Karte hatte.
Auch hier waren wir vorher gewarnt worden: Ferragosto, Menschenmassen, sämtliche Restaurants ausgebucht und ohne Reservierung angeblich kaum eine Chance auf einen Tisch. Deshalb standen wir kurz vor der Öffnung um 19 Uhr in Martina Franca. Die befürchtete Katastrophe blieb aus. Es waren noch reichlich Tische frei und selbst gegen 20 Uhr füllte sich das Restaurant erst langsam – da waren wir mit unserem Essen beinahe schon durch.
Wir bestellten eine gemischte apulische Vorspeisenplatte. Angela nahm anschließend Ravioli mit Käse und Auberginen, ich geschmorte Schweinebacken mit Rucolasalat. Überraschenderweise kam aber schon vor der eigentlichen Vorspeise ein kleiner Brotsalat auf den Tisch. Eine wunderbare Demonstration der süditalienischen cucina povera: Hier wird selbst hart gewordenes Brot nicht weggeworfen, sondern mit etwas Gemüse, Kräutern, Essig und Öl wieder zu einem eigenen Gericht.
Und auch damit war die Küche noch nicht fertig. Vor dem Hauptgang kamen noch einmal mehrere kleine Kostproben auf den Tisch – unter anderem Oliven, Peperoni, Fleischbällchen, kleine Bruschetta und Melone. Eigentlich hatten wir nur Abendessen bestellt und bekamen nebenbei noch eine kleine Einführung darin, wie vielfältig aus einfachen regionalen Zutaten gekocht werden kann.
Fotos vom Essen gibt es diesmal allerdings keine. Wir waren inzwischen so müde, dass wir irgendwann einfach nur noch froh waren, wieder in unserer Unterkunft zu sein. Draußen auf dem Land, weit weg von jedem Stadtlärm, wurde es angenehm ruhig. Und zum ersten Mal seit zweieinhalb Wochen konnten wir tatsächlich wieder mit offenem Fenster und ohne Klimaanlage schlafen. Nach Materas Höhlen, Alberobellos Kegeldächern und einem ziemlich langen „kurzen“ Reisetag war genau das der passende Abschluss.



