Durch die Këlcyrë-Schlucht nach Gjirokastër

Von Përmet durch die Këlcyrë-Schlucht über Tepelenë nach Gjirokastër: Ali Pascha, Aquädukt, Kalter-Krieg-Tunnel und kulinarische Überraschungen.

Route von Përmet über Tepelenë nach Gjirokastër
Auch heute war unsere Etappe mit knapp 70 Kilometern eher kurz.

Die Strecke selbst sollte kein Tagesprogramm werden: Von Përmet über Tepelenë nach Gjirokastër waren es mit unseren kleinen Abstechern gerade einmal knapp 70 Kilometer. Aber Kilometer sind auf unserer Albanienreise ohnehin eine ziemlich schlechte Maßeinheit für das, was man unterwegs alles entdecken kann.

Tierischer Start in den Tag

Ziegen vor unserem Balkon in Përmet
Der Tag fing diesmal recht tierisch an: Schon beim Kaffee auf der Terrasse zogen die Ziegen direkt an unserem Balkon vorbei.

Nach einem wiederum umfangreichen und ausgiebigen albanischen Frühstück machten wir uns schließlich auf den Weg nach Tepelenë. Und die tierischen Begegnungen vom Morgen sollten noch eine Weile weitergehen.

Pferd auf dem Weg von Përmet nach Tepelenë
Auf dem Weg nach Tepelenë wurde zunächst ein Pferd für die Arbeit fertig gemacht.
Esel am Straßenrand in Albanien
Kurz darauf wartete ein Esel geduldig darauf, dass sein Bauer mit der Arbeit fertig wurde.

Durch die Këlcyrë-Schlucht

Hinter Përmet begleitet die Vjosa zunächst die Straße, bevor sie sich bei Këlcyrë zwischen den Bergen durch eine immer enger werdende Landschaft zwängt. Die Këlcyrë-Schlucht, auf Albanisch Gryka e Këlcyrës, bildet hier ein natürliches Tor durch die Kalksteinberge. Fluss, Straße und steile Felswände liegen dicht beieinander, immer wieder tritt kaltes Quellwasser direkt aus dem Gestein. Über Jahrhunderte war diese Engstelle nicht nur landschaftlich spektakulär, sondern auch ein wichtiger Verkehrs- und Verteidigungsweg durch den Süden Albaniens.

Ziegenherde in der Këlcyrë-Schlucht
Und in der Këlcyrë-Schlucht trieb sich dann auch noch eine ganze Herde Ziegen herum.

Auf den Spuren Ali Paschas in Tepelenë

Nach der Schlucht öffnet sich das Tal wieder und schließlich erreichten wir Tepelenë. Die Stadt liegt strategisch hoch über dem Vjosa-Tal und ist untrennbar mit Ali Pascha von Tepelenë verbunden. Er wurde Mitte des 18. Jahrhunderts in der Region geboren und stieg später zu einem der mächtigsten osmanischen Regionalherrscher auf. Von Ioannina aus kontrollierte er zeitweise große Teile des heutigen Südens Albaniens und Nordwestgriechenlands – weitgehend nach seinen eigenen Regeln.

Allee an der Burg von Tepelenë
Die Zufahrt zur Burg ist eine wunderschöne Allee. Bei der heutigen Hitze war der Schatten der Bäume besonders willkommen.

Natürlich wollten wir uns auch das Innere der Burg anschauen. Von einer klassischen Burganlage ist dort allerdings erstaunlich wenig zu sehen. Die heutige große Umfassungsmauer geht im Wesentlichen auf Ali Pascha zurück, der die Anlage 1819 ausbauen beziehungsweise neu errichten ließ. Sie umfasste rund fünfeinhalb Hektar, hatte drei Tore und drei befestigte Türme und diente ihm zeitweise als Residenz.

Kaffee an der Burg von Tepelenë
In Tepelenë angekommen, mussten wir uns bei einer Tasse Kaffee erst einmal sortieren. Im Hintergrund ist noch die Festungsmauer zu erkennen.

Von den Gebäuden im Inneren, darunter auch Ali Paschas Palast, ist dagegen kaum etwas erhalten geblieben. Tepelenë wurde im frühen 20. Jahrhundert durch ein schweres Erdbeben, Plünderungen und später durch die Zerstörungen beider Weltkriege stark in Mitleidenschaft gezogen. Anschließend wurde das Areal weiter bewohnt und verändert. Deshalb findet man innerhalb der gewaltigen Mauern heute eher einen Stadtteil als ein Burgmuseum.

Stadtzentrum und Burg von Tepelenë
Mehrere Epochen auf engem Raum: die alte Burganlage und davor das von der sozialistischen Zeit geprägte Stadtzentrum – inzwischen wiederum modernisiert.

Was wir sahen, wirkte teilweise ziemlich verfallen und hatte offenbar auch unter Vandalismus gelitten. Gleichzeitig wurde überall gearbeitet. Abschnitte der Mauer werden restauriert und im Inneren entstehen beziehungsweise erneuern sich Wohnhäuser, die tatsächlich auffallend ähnlich aussehen. Unser Eindruck, dass dahinter ein größeres Programm steckt, war also gar nicht so falsch: Die Restaurierung der Burg umfasst ausdrücklich auch die bewohnten Bereiche innerhalb der Mauern. Von dem Ergebnis war bei unserem Besuch allerdings noch nicht allzu viel zu erkennen.

Blick von der Burg Tepelenë auf das Vjosa-Tal
Strategisch war die Lage perfekt: Von der Burg reicht der Blick weit über das Vjosa-Tal.
Fußgängerbrücke von der Burg Tepelenë ins Tal
Aus der Neuzeit stammt dagegen die Fußgängerbrücke, die von der Burg über die Schnellstraße hinunter ins Tal führt.

Das Aquädukt von Bënça

Im Anschluss machten wir noch einen kleinen Abstecher zum Bënça-Aquädukt. Auch dieses Bauwerk geht auf die Zeit Ali Paschas zurück und gehörte zu einem Wasserversorgungssystem, das Wasser aus dem Gebiet von Bënçë in Richtung Tepelenë und zur Burg leitete. Eine lange Reihe hoher Steinpfeiler trägt den Wasserkanal über das unwegsame Gelände; im tieferen Abschnitt überspannen große Bögen die Schlucht.

So richtig vorstellen konnten wir uns allerdings nicht, wie dieses Wasser einmal bis nach Tepelenë gelangt sein soll. Schließlich hatten wir auf dem Weg von der Stadt hierher gefühlt einen großen Teil der Strecke bergab zurückgelegt. Aber eine Straße folgt natürlich ganz anderen Höhenlinien als eine Wasserleitung: Das Aquädukt hielt über die gesamte Strecke ein eigenes, möglichst gleichmäßiges Gefälle. Genau dafür waren die hohen Pfeiler und Bögen nötig, mit denen Täler und Geländeeinschnitte überbrückt wurden.

Bënça-Aquädukt bei Tepelenë
Das Bënça-Aquädukt – ebenfalls ein Erbe aus der Zeit Ali Paschas.

Das Aquädukt wurde bei einem Erdbeben in den 1930er-Jahren stark beschädigt und anschließend wieder aufgebaut, wobei nicht alle ursprünglichen Details erhalten blieben. Trotzdem vermittelt die lange Pfeilerreihe noch ziemlich eindrucksvoll, welchen Aufwand man vor gut 200 Jahren betrieb, um die hoch gelegene Festung zuverlässig mit Wasser zu versorgen.

Wasserkanal des Bënça-Aquädukts
Hier wurde einst Wasser aus dem Bënçë-Tal in Richtung Tepelenë geleitet.

Kulinarischer Fehlstart bei Uji i Ftohtë

Auf der Weiterfahrt nach Gjirokastër wollten wir uns bei Uji i Ftohtë noch einmal abkühlen und einen kleinen Snack essen. Der Name bedeutet passenderweise „kaltes Wasser“: In diesem Abschnitt treten zahlreiche kalte Quellen aus dem Fels und machen die Gegend zu einem beliebten Zwischenstopp.

Mit dem Essen hatten wir allerdings weniger Glück. Beim ersten Restaurant waren wir auf eine Google-Bewertung von glatten fünf Punkten hereingefallen – bei gerade einmal zwei Rezensionen. Zum Glück fiel uns das noch während des Wartens auf. Der Service machte ohnehin keinen besonders überzeugenden Eindruck, die Tische wurden nicht abgeräumt und es war laut und stickig.

Direkt gegenüber lag ein Hotel mit Restaurant, immerhin mit 4,6 Punkten und deutlich mehr Bewertungen. Also wechselten wir die Straßenseite. Ein Blick auf die Speisekarte zeigte zwar schon, dass wir nun in einem Hotelrestaurant saßen, aber für etwas Gutes hätten wir durchaus auch etwas mehr bezahlt. Angela wollte einen Artischockensalat mit Tomaten bestellen. Darauf erklärte man ihr, dass es momentan gar keine Artischocken gebe und sie für die aufgerufenen zwölf Euro eigentlich nur einen Tomatensalat bekommen würde. Auch die Forelle, auf die wir uns im ersten Restaurant schon gefreut hatten, gab es nicht. Dafür hätte man uns ein Dorfhuhn für 28 Euro verkaufen können.

Wir bedankten uns freundlich, verzichteten auf Tomaten zum Artischockenpreis und beschlossen, unser kulinarisches Glück lieber in Gjirokastër zu versuchen.

Mit zwölf Prozent Steigung nach Gjirokastër

Unsere Unterkunft dort lag spannend am Hang. Der Mini kämpfte sich tapfer die rund zwölf Prozent Steigung hinauf, bis wir mitten auf der Straße standen. Unser Gastgeber hatte uns eigentlich extra geschrieben, wir sollten uns vorher melden, damit er uns den Parkplatz zeigt. Nun gut.

Zum Glück konnte ich zunächst rückwärts in eine Einfahrt des Nachbarn rollen. Nach einigem Hin und Her erschien schließlich der Vater unseres Gastgebers und wollte den Mini für uns einparken. Nur kam er keinen Meter weit. Ich hatte zwar den Motor laufen lassen, aber den Autoschlüssel ganz selbstverständlich in meiner Hosentasche behalten. Also parkte ich am Ende doch selbst. Dort steht der Mini jetzt gut – und kann auch stehen bleiben. Von hier aus lässt sich Gjirokastër wunderbar zu Fuß erkunden, auch wenn die Stadt ausgesprochen hügelig ist und wir bis zum Basar gut 20 Minuten unterwegs sind.

Nach einer kurzen Rast und reichlich kaltem Wasser machten wir uns auf den Weg. Erste Anlaufstelle war der alte Basar. Bei Tageslicht wirkte er zunächst noch erstaunlich ruhig, deshalb gingen wir gleich weiter zum Cold War Tunnel.

Auf dem Weg zum Basar von Gjirokastër
Auf dem Weg zum Basar von Gjirokastër.

Unter der Stadt in den Kalten Krieg

Nach einer kurzen Wartezeit konnten wir dort an einer Führung teilnehmen. Der unterirdische Komplex wurde Anfang der 1970er-Jahre unter größter Geheimhaltung gebaut. Albanien hatte sich unter Enver Hoxha politisch immer stärker isoliert, und die Führung rechnete geradezu permanent mit einem Angriff von außen – im schlimmsten Fall sogar mit einem Atomkrieg.

Der Tunnel unter Gjirokastër ist rund 800 Meter lang und besitzt 59 Räume. Im Ernstfall sollten hier unter anderem die lokale Partei- und Staatsführung, Verwaltungsstellen und weitere wichtige Funktionäre Schutz finden und weiterarbeiten können. Es gab Schlaf- und Arbeitsräume, Wasserversorgung, Generatoren, Luftfilter und Bereiche zur Dekontamination. Viel Mobiliar verschwand nach dem Ende des kommunistischen Systems, der Tunnel selbst blieb jedoch weitgehend in seinem ursprünglichen Zustand. Gerade dadurch wirkt er weniger wie ein auf Hochglanz gebrachtes Museum als vielmehr wie ein ziemlich beklemmendes Relikt aus einer Zeit, in der die Angst vor dem vermeintlich jederzeit bevorstehenden Angriff zum staatlichen Alltag gehörte.

Raum für den Bürgermeister im Cold War Tunnel Gjirokastër
Einer der Funktionsräume im Cold War Tunnel – dieser war für den Bürgermeister vorgesehen.

Qifqi, Lamm und andere Kartoffeln

Auf eine Empfehlung hin gingen wir anschließend zu einem traditionellen Restaurant oberhalb der Stadt, kurz unterhalb der Burg. Die Karte las sich nach guter albanischer Hausmannskost und zur Begrüßung bekamen wir erst einmal ein kleines würziges Getränk, das stark nach Nelken schmeckte. Uns wurde erklärt, es werde aus Rotwein, Zucker und Nelken zubereitet und so lange gekocht, dass anschließend praktisch kein Alkohol mehr darin sei. Süßlich, sehr aromatisch und durch die Nelken geschmacklich irgendwo zwischen Albanien und Weihnachtsgebäck – aber durchaus lecker.

Wir bestellten gefüllte Weinblätter und natürlich Qifqi, eine Spezialität aus Gjirokastër. Die kleinen Reisbällchen werden aus gekochtem Reis, Ei und Kräutern – traditionell vor allem Minze – zubereitet und anschließend in einer speziellen Pfanne gebraten. Bei uns wurden sie mit Joghurt und Olivenöl serviert. Dazu nahm ich einen Lamm-Grillteller, nachdem auch hier wieder keine Forelle zu bekommen war. Offenbar sollte das heute einfach nicht sein.

Angela bestellte neben einem gemischten Salat noch gebackene Kartoffeln. Geliefert wurden allerdings ziemlich eindeutig gekochte Kartoffeln. Nach einer kurzen Diskussion bestätigte uns der Kellner sinngemäß, dass dies hier eben die entsprechende Zubereitungsart sei. Nun ja – andere Länder, andere Kartoffeln.

Leider konnte auch der Weißwein den Abend nicht mehr retten. Der war nicht besonders gut, das Essen insgesamt eher mittelmäßig und der Service ziemlich schleppend. Dabei war es durchaus ein sympathischer Familienbetrieb. Drinnen saß die Mutter beim Fernsehen und hatte trotzdem den gesamten Gastraum im Blick. Als Angela mit nassen Händen aus der Toilette kam – den Händetrockner wollte sie lieber nicht benutzen –, bemerkte sie das sofort und wies einen der Kellner an, ihr Küchenpapier zu bringen. Irgendwie charmant war es also schon. Mit 45 Euro war die Rechnung trotz der kleinen Zugaben allerdings ungefähr doppelt so hoch wie am Vorabend. Nach den vielen wirklich hervorragenden Mahlzeiten der vergangenen Tage war das heute kulinarisch eindeutig nicht unser stärkster Tag.

Abendessen unterhalb der Burg von Gjirokastër
Abendessen unterhalb der Burg von Gjirokastër – kulinarisch diesmal eher durchwachsen.

Wenn der Basar erwacht

Danach drehten wir noch einmal eine Runde durch den Basar – und er war kaum wiederzuerkennen. Zum ersten Mal auf unserer Reise erlebten wir einen Basar, der wirklich voll war. Es war laut, die schmalen Gassen waren dicht bevölkert und einfach geradeaus zu gehen war eher ein theoretisches Konzept.

Am Rand fanden wir schließlich eine Hotelbar mit etwas Ruhe, schöner Aussicht über die Stadt und hinunter ins Tal. Dort gab es noch einen Absacker, bevor wir uns langsam auf den Rückweg zu unserer Unterkunft machten. Und immerhin wartete dort noch eine halbe Flasche Rotwein vom Vorabend auf uns – kulinarische Notfallversorgung sozusagen.

Sonnenuntergang über Gjirokastër
Sonnenuntergang über Gjirokastër – ein schöner Abschluss eines Tages voller kleiner Überraschungen.

Auch diese knapp 70 Kilometer hatten am Ende wieder erstaunlich viel zu bieten: Ziegen, Pferd und Esel, eine spektakuläre Schlucht, die Spuren Ali Paschas, ein 200 Jahre altes Aquädukt, zwei kulinarische Fehlversuche, einen Bunker aus dem Kalten Krieg und einen Basar, der erst nach Sonnenuntergang so richtig zum Leben erwachte. Entsprechend müde fielen wir am Ende ins Bett. Aber für morgen müssen wir zumindest den Mini nicht mehr von seinem Parkplatz bewegen.