
Heute stand ein ganzer Tag in Përmet auf dem Programm. Kein Kofferpacken, keine 260 Kilometer über albanische Bergstraßen und kein neues Ziel am Abend – wir konnten es also ruhig angehen lassen. Und genau damit begannen wir: mit einem wieder einmal ausgezeichneten albanischen Frühstück, viel Gemüse, Käse, Eiern, Brot und hausgemachter Marmelade.

Përmet liegt im Süden Albaniens direkt an der Vjosa, eingerahmt von hohen Bergzügen. Die kleine Stadt wirkt deutlich ruhiger als viele der Orte, die wir in den vergangenen Tagen besucht hatten. Gleichzeitig ist sie ein idealer Ausgangspunkt für die Natur ringsum: für das Vjosa-Tal, die Lëngarica-Schlucht, die warmen Quellen von Bënjë und die Dörfer in den Bergen. Die Vjosa selbst gehört seit 2023 zum ersten Wildfluss-Nationalpark Europas und darf hier noch weitgehend das tun, was Flüsse eigentlich tun: ihren Lauf selbst bestimmen, Kiesbänke verlagern, Seitenarme bilden und sich nach Hochwasser immer wieder verändern.

Rafting auf der Vjosa
Für mich ging es an diesem Morgen erst einmal zum Rafting. Davon lebt in Përmet inzwischen eine ganze kleine Branche – gefühlt gibt es in der Stadt an jeder Ecke einen Anbieter. Auch bei uns ging es gleich mit fünf Booten und jeweils ungefähr zehn Personen auf den Fluss. Ganz allein mit der wilden Natur waren wir also nicht unbedingt.
Im Sommer führt die Vjosa deutlich weniger Wasser als im Frühjahr. Unsere Strecke lag an diesem Tag ungefähr im Bereich der Schwierigkeitsgrade II bis III: genug Strömung, Wellen und Stromschnellen, damit es Spaß macht, aber weit entfernt von einer permanenten Wildwasser-Schlacht. Und gerade das macht die Tour interessant. Zwischen den schnelleren Passagen bleibt immer wieder Zeit, die breiten Kiesbänke, die Berge und dieses erstaunlich wenig verbaute Flusstal anzuschauen.
Vor dem Start hatte ich zwei kleine Kinder in einer der Gruppen gesehen und noch gedacht: Hoffentlich sitzen die nicht ausgerechnet bei mir im Boot. Natürlich saßen sie bei mir im Boot.

Ich hatte allerdings die albanische Pragmatik unterschätzt. Die beiden bekamen ihren Platz sicher in der Mitte des Bootes, und dann ging es trotzdem durch dieselben Stromschnellen wie bei allen anderen. Niemand machte daraus ein großes Thema. Am Ende hatten wir mit Holländern, Franzosen, den beiden Kindern und natürlich unserem albanischen Guide eine richtig gute Stimmung an Bord – und die zwei jüngsten Mitfahrer wirkten ohnehin so, als hätten sie an der ganzen Sache am wenigsten Zweifel gehabt.

Warm baden, während es von oben tröpfelt
Nach einer kurzen Pause und einem Kaffee in unserer Unterkunft sind wir dann gemeinsam zu den warmen Quellen von Bënjë aufgebrochen. Ausgerechnet an dem Nachmittag, an dem Baden geplant war, ließ uns die Sonne im Stich und zwischendurch tröpfelte es sogar ein wenig. Kalt wurde es natürlich trotzdem nicht, aber nach den heißen Tagen zuvor fühlten sich die Temperaturen plötzlich erstaunlich frisch an – und damit das warme Wasser umso besser.
Die Thermalquellen liegen etwa 14 Kilometer von Përmet entfernt direkt am Eingang zur Lëngarica-Schlucht. Mineralhaltiges Wasser tritt an mehreren Stellen aus dem Untergrund aus und wird in einfachen Natursteinbecken aufgefangen. Mit ungefähr 23 bis 28 Grad ist es eher angenehm warm als wirklich heiß. Das bekannteste Becken liegt unmittelbar an der alten Kadiu-Brücke, deren einzelner großer Steinbogen inzwischen fast genauso zum Bild von Bënjë gehört wie die Quellen selbst.

Zu Fuß in die Lëngarica-Schlucht

Das warme Wasser kommt größtenteils aus Quellen am Rand der Schlucht. Durch den Canyon selbst fließt dagegen die Lëngarica – und bei dem niedrigen Wasserstand im August ließ sich ihr Lauf erstaunlich gut zu Fuß erkunden.
Eigentlich wollten wir nach dem Baden gar nicht mehr weit hinein. Also liefen wir zunächst nur an den vorderen Becken entlang. Dann wollten wir wissen, was hinter der nächsten Biegung kommt. Und hinter der nächsten. Und irgendwann waren wir doch ungefähr anderthalb Kilometer in der Schlucht.
Die Lëngarica hat sich hier über mehrere Kilometer tief in das Gestein eingeschnitten. Je weiter wir hineingingen, desto näher rückten die Felswände zusammen und desto höher wirkten sie. Teilweise ragen sie mehr als hundert Meter über dem Flussbett auf. Bei unserem niedrigen Wasserstand war das eher eine abwechslungsreiche Wanderung mit nassen Füßen als eine wirkliche Canyoning-Tour – aber gerade deshalb konnten wir ganz gemütlich immer noch ein Stück weiterlaufen.

Zu spät für die Schätze von Leusë
Danach wollten wir noch zur Marienkirche im kleinen Bergdorf Leusë oberhalb von Përmet. Von ihr hatten wir vor allem wegen ihrer Fresken und der aufwendig geschnitzten Holzausstattung gehört. Leider war es mittlerweile nach 17 Uhr – und die Kirche verschlossen.

Schade, denn gerade innen soll sich der eigentliche Schatz verbergen. Die heutige Kirche stammt vom Ende des 18. Jahrhunderts. Ihre Wandmalereien entstanden um 1812, die reich geschnitzte Ikonostase aus Walnussholz trägt die Jahreszahl 1817. Von außen wirkt das Gebäude dagegen beinahe zurückhaltend: Naturstein, Bögen, ein gedeckter Vorbereich und davor der Blick weit hinunter ins Vjosa-Tal.

Auf dem Weg nach oben begegnete uns zunächst noch eine Art Miniaturausgabe der Kirche. Ein paar Meter weiter und deutlich größer stand dann das Original vor uns. Rein kamen wir nicht mehr, aber zumindest für einen Rundgang außen herum reichte die Zeit noch. Dort waren auch einige der leider stark beschädigten Fresken zu sehen.

Der Felsen, der über Përmet wacht
Eine Sehenswürdigkeit hatten wir uns für den Schluss aufgehoben: den Guri i Qytetit, den „Stadtstein“ von Përmet. Der gewaltige Felsblock steht unmittelbar an der Vjosa und ist mit seinen rund 42 Metern Höhe so etwas wie das Wahrzeichen der Stadt. Der Überlieferung nach befand sich oben einst eine kleine Festung; bis heute sind noch Mauerreste erhalten. Auch mehrere Legenden rund um den Namensgeber Përmets und die osmanische Eroberung sind mit dem Felsen verbunden.

Hinauf kommt man über in den Fels gebaute Stufen. Zumindest theoretisch. Als wir davorstanden, nach oben blickten und uns anschließend gegenseitig ansahen, war die Entscheidung relativ schnell gefallen: Der Felsen sieht auch von unten sehr schön aus. Und mittlerweile war es ohnehin schon gegen 18 Uhr geworden. Also lieber essen.

Hausmannskost und ein Wirt, der sich über Gäste freute
Wir hatten von einem guten kleinen Restaurant mit albanischer Hausmannskost gehört und fanden sogar direkt davor einen Parkplatz. Nur Gäste fanden wir keine.
Ein paar Tische standen draußen, einige weitere drinnen, ansonsten war es vollkommen leer. Dafür kam uns der Wirt freudestrahlend entgegen und begrüßte uns so herzlich, dass wir erst einmal blieben. Ein bisschen fragten wir uns trotzdem, ob wir wirklich in dem Restaurant gelandet waren, das uns empfohlen worden war.
Die Zweifel erledigten sich mit dem Essen – und mit dem Andrang kurz darauf. Bis auf zwei reservierte Tische waren plötzlich alle Plätze belegt, und für eine Familie wurden sogar noch ein zusätzlicher Tisch und weitere Stühle herbeigeholt.
Es war nicht nur gut, sondern diesmal wirklich ausgezeichnet. Vorweg gab es wieder einen gemischten Salat, verschiedene Käsesorten und Joghurt mit Honig. Ich bestellte ein Hühnergericht nach Art der Region, Angela eine Variation verschiedener Aufläufe. Alles war frisch, kräftig gewürzt und genau die Art von Essen, die wir uns unter guter Hausmannskost vorstellen.
Und der Wirt hatte offenbar beschlossen, dass wir nicht nur satt, sondern rundum glücklich gehen sollten. Diesmal bekam ich sogar den Nachtisch, den ich am Vorabend verpasst hatte. Anschließend kamen noch Raki und Espresso – alles auf Kosten des Hauses. Dazu waren die eigentlichen Speisen ohnehin erstaunlich günstig. Wieder einer dieser Abende, an denen die albanische Gastfreundschaft mindestens genauso in Erinnerung bleibt wie das Essen selbst.

Danach drehten wir noch eine Runde um den Block – eigentlich auf der Suche nach einem Eis wie am Vortag in Korçë. Doch mehr als abgepacktes Industrieeis war diesmal nicht aufzutreiben. Also änderten wir den Plan: Statt Eis gab es eine Flasche Rotwein, die wir mit aufs Zimmer nahmen.

Den Rest des Abends ließen wir mit dem Rotwein ganz gemütlich auf unserem Balkon ausklingen. Und auch der Mini hatte wieder sein Plätzchen gefunden. Gerade einmal knapp 40 Kilometer waren an diesem Tag zusammengekommen – für unsere Verhältnisse inzwischen fast schon ein Ruhetag.



