
Nach einer ruhigen Nacht mit Klimaanlage hatten wir sehr gut geschlafen und starteten entsprechend ausgeruht in den Tag. Auf der Dachterrasse erwartete uns wieder einmal ein umfangreiches albanisches Frühstück. Mittlerweile sind wir immerhin so weit, dass wir nicht mehr versuchen, alles aufzuessen. Nur der extra bestellte türkische Kaffee fiel ein wenig aus dem Rahmen – da war dann doch etwas zu viel Kaffeesatz in der Tasse.
Ein Haus für eine große Familie
Da es wieder heiß werden sollte, optimierten wir unsere Wege und gingen nicht zuerst hinauf zur Burg, sondern zum Skënduli-Haus. Das mächtige Wohnhaus ist eines der bekanntesten Beispiele der traditionellen Architektur Gjirokastërs und zeigt ziemlich eindrucksvoll, wie wohlhabende Großfamilien hier früher lebten: mehrere Stockwerke, dicke Steinmauern, zahlreiche Räume und Kamine, Wirtschaftsräume unten und repräsentative Wohn- und Empfangszimmer weiter oben. Selbst ein Hammam gehörte zum Haus.

Das Skënduli-Haus war nicht nur Wohnhaus, sondern fast schon eine kleine Festung. Die massive Bauweise sollte Sicherheit geben, während die oberen Etagen mit ihren vielen Fenstern und reich verzierten Holzdecken deutlich wohnlicher wurden. Besonders wichtig war der Raum für Hochzeiten und andere große Familienfeiern.
Leider konnte unser Führer hauptsächlich Albanisch, Italienisch und Spanisch, und sonderlich viele schriftliche Erklärungen waren im Haus ebenfalls nicht angebracht. Weil von seinen Sprachen bei uns keine so richtig passte, versuchte er es schließlich auch mit Französisch. Mein Französisch ist allerdings schon etwas eingerostet – und nachdem sich da offenbar noch etwas Italienisch und vielleicht Albanisch dazumischte, gaben wir irgendwann auf. Er meinte es wirklich gut und war vermutlich mindestens ebenso erleichtert wie wir, als die nächste Gruppe kam, die er auf Französisch begrüßen konnte.
Der prächtigste Raum, der Hochzeitssaal, war zudem verschlossen und wurde nur unter Aufsicht geöffnet. Fotografieren durften wir dort ausgerechnet nicht. Also arbeiteten wir uns ansonsten mit etwas Fantasie und unseren eigenen Vorstellungen durch die Räume.
Drei Stunden auf der Burg
Danach ging es geradewegs hinauf zur Burg. Inzwischen war es schon ordentlich warm geworden und auch die Schlange an der Kasse sah zunächst wenig einladend aus. Letztendlich warteten wir aber kaum fünf Minuten.

In der Burg schauten wir uns zuerst die weitläufigen äußeren Anlagen an – für uns eigentlich der interessanteste Teil der ganzen Festung. Die Ursprünge der Burg reichen mindestens ins Mittelalter zurück, ihre heutige gewaltige Form erhielt sie aber über viele Jahrhunderte hinweg. Besonders Ali Pascha von Tepelenë ließ sie Anfang des 19. Jahrhunderts massiv ausbauen. Von oben kontrollierte die Festung das gesamte Drino-Tal und damit eine schon immer wichtige Nord-Süd-Verbindung.
Heute sind es vor allem die dicken Mauern, Türme, Gewölbe, Ruinen und immer wieder die Ausblicke über Gjirokastër und das Tal, die den Reiz ausmachen. Von der einstigen Bebauung innerhalb und unmittelbar außerhalb der Festungsmauern ist dagegen vieles verschwunden.

Wenn überhaupt, sind die Gebäude heute oft nur noch als steinerne Hüllen erhalten. Dächer, Balken, Zwischendecken und andere Holzelemente sind längst verschwunden, sodass man bei manchen Räumen nur noch erahnen kann, wie sie ursprünglich einmal ausgesehen haben.

Die Burg wurde im Lauf ihrer Geschichte außerdem reichlich zweckentfremdet. Unter König Zog wurde der Gefängnistrakt in den 1930er-Jahren erweitert, später saßen hier auch während der kommunistischen Zeit politische Gefangene. Und auf dem höchsten Teil der Festung entstand schließlich eine große Freilichtbühne für das Nationale Folklorefestival, das 1968 erstmals in Gjirokastër stattfand und traditionell im Abstand von fünf Jahren veranstaltet wird. Ein ziemlicher Wandel: von der Festung zum Gefängnis und schließlich zur Bühne für albanische Folklore.
Im Inneren stehen außerdem jede Menge Waffen und Geschütze herum. Ein großer Teil stammt aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs und aus den Kämpfen gegen die italienischen und deutschen Besatzer. Das eigentliche Waffenmuseum, das noch einmal separat zu besichtigen ist, haben wir uns gespart.
Uns reichten an diesem Tag die bereits im Burgeintritt zugänglichen Bereiche vollkommen – schließlich waren wir am Ende auch so gut drei Stunden auf der Burg unterwegs. Dass es zusätzlich noch den historischen Gefängnistrakt und einen Ausstellungsbereich zur Geschichte Gjirokastërs gab, erfuhren wir erst später; an der Kasse hatte man uns lediglich auf das Waffenmuseum hingewiesen.
Ein amerikanisches Flugzeug und zwei Geschichten
Dann steht da noch ein amerikanisches Flugzeug. Die Lockheed T-33 kam während des Kalten Krieges nach Albanien und später als Ausstellungsstück auf die Burg. Und wie so oft gibt es auch dazu zwei ziemlich unterschiedliche Geschichten.

Am 23. Dezember 1957 war der amerikanische Major Howard J. Curran mit der T-33 von Châteauroux in Frankreich nach Neapel unterwegs. Seine Version lautet ungefähr so: Funk- und Navigationsausrüstung machten Probleme, dazu kamen schlechtes Wetter und starker Wind. Schließlich geriet er mit nur noch wenig Treibstoff in den albanischen Luftraum und landete auf dem damals noch nicht fertiggestellten Flugplatz von Rinas bei Tirana.
Die albanische Version machte daraus dagegen ein amerikanisches Spionageflugzeug, das in den albanischen Luftraum eingedrungen und von zwei albanischen MiG-15 zum Landen gezwungen worden sei. Das Flugzeug passte damit hervorragend in die damalige Propaganda vom kleinen Albanien, das sich erfolgreich gegen seine mächtigen Feinde verteidigte.
Der Pilot durfte wenige Wochen später in die USA zurückkehren, die T-33 blieb hier. Welche Variante man nun sympathischer findet, darf jeder selbst entscheiden. Meine persönliche Meinung: Wer eigentlich nach Neapel will, muss sich schon ziemlich gründlich verfliegen, um am Ende in Tirana zu landen. Immerhin liegen zwischen beiden Städten rund 470 Kilometer Luftlinie. Das ist schon eine ordentliche Abweichung.
Auf der Suche nach Gjirokastra-Bier
Nachdem wir die Burg wieder verlassen hatten, brauchten wir erst einmal etwas zu trinken. Wir hatten von Birra Gjirokastra gehört und über ChatGPT sogar eine Empfehlung bekommen, wo wir es trinken könnten. Leider fand ich den Laden auf Anhieb nicht. Dafür landeten wir in einer anderen Bar, die Tirana- und Peja-Bier frisch gezapft servierte. Gezapftes Bier ist hier eine Seltenheit.

Angela war zwischenzeitlich noch zur Touristeninformation gelaufen. Die war allerdings geschlossen. Auf ihre WhatsApp-Nachricht reagierten die Mitarbeiter dafür erstaunlich schnell, entschuldigten sich und erklärten, dass heute ausnahmsweise wegen eines Notfalls geschlossen sei.
Auf dem Rückweg folgten wir noch einer Empfehlung für ein leckeres Eis und probierten ein paar süße, osmanisch geprägte Kuchen und Gebäckstücke. Danach war erst einmal Gästehaus angesagt. Bei der Hitze war eine ausgiebige Erholung dringend notwendig.

Abendessen über der Basarstraße
Nach der ausgiebigen Pause war es schon 17 Uhr und wir gingen gleich zu dem Restaurant, das uns unsere Wirtin empfohlen hatte. Mittlerweile stand die Sonne deutlich tiefer und verschwand zeitweise sogar hinter Wolken. Damit wagten wir es, uns auf den Balkon zu setzen.

Von dort hatten wir einen herrlichen Blick auf die Basarstraße unter uns. Später wurde auch noch die Markise geöffnet und damit lag zusätzlich die Burg direkt hinter uns. Viel besser kann man in Gjirokastër eigentlich kaum sitzen.

Noch 200 Meter höher zum Zekate-Haus
Nachdem ich es anschließend noch in zwei Minimärkten und einem weiteren Restaurant versucht hatte, gab ich die Suche nach dem Gjirokastra-Bier endgültig auf. Für einen Absacker steuerten wir stattdessen noch ein weiteres altes Stadthaus an. Eigentlich lag es fast auf dem Weg zu unserer Unterkunft – wenn man davon absieht, dass es noch einmal gefühlt 100 Meter höher am Hang lag.

Nach einer Erfrischung schauten wir uns auch dieses Haus noch an – und das war deutlich besser organisiert und beschildert als das Skënduli-Haus am Morgen. Fotografieren durfte man ebenfalls überall.
Das Zekate-Haus wurde 1811/12 für Beqir Zeko errichtet, einen einflussreichen Mann aus dem Umfeld Ali Paschas. Mit seinen beiden mächtigen Wohntürmen und der großen, doppelt gewölbten Fassade wirkt es tatsächlich noch ein Stück wehrhafter und imposanter als das Skënduli-Haus. Es ist ein besonders eindrucksvolles Beispiel für die sogenannten Kullë-Häuser wohlhabender Familien in Gjirokastër.

Unten dominieren Stein, dicke Mauern und eher funktionale Räume, während es weiter oben immer wohnlicher und repräsentativer wird. Dort gibt es reich verzierte Holzdecken, bemalte Wände, Kamine, Sitznischen und große Fenster. Und je weiter man nach oben steigt, desto besser wird auch der Blick über die Dächer von Gjirokastër und hinunter ins Drino-Tal.

Uns gefiel vor allem, dass man sich hier viel freier bewegen konnte. Nach der eher improvisierten Führung am Morgen konnten wir uns die typische Architektur jetzt zumindest erlesen. Manche Zimmer wirkten dabei erstaunlich gemütlich und farbenfroh – ganz anders, als die wuchtige steinerne Außenfassade zunächst vermuten lässt.

Die Familie wohnt heute nebenan und betreibt am Eingang eine kleine Bar, an der man auch den Eintritt bezahlt. Erst beim Gehen fiel uns auf, dass dort offenbar drei Generationen der Familie gemeinsam an einem Tisch saßen. Das historische Haus selbst wird heute nicht mehr bewohnt.
Als wir schließlich wieder draußen standen, lag Gjirokastër weit unter uns und von der Burg her war bereits Musik zu hören – oder zumindest wurde dort kräftig geprobt. Diesmal keine traditionelle albanische Folklore: An diesem Abend sollte dort ein Techno-Konzert stattfinden. Auch das gehört offenbar zu dieser Stadt – jahrhundertealte Steinhäuser, eine mächtige Festung, ein amerikanisches Flugzeug aus dem Kalten Krieg und abends Techno auf der Burg.

Zum Glück hörten wir davon später nichts in unserem Zimmer. Da es außerdem noch Probleme mit dem Internet gab, blieb der Blog an diesem Abend unfertig. Wir machten es uns einfach und schliefen stattdessen ziemlich schnell ein.



