
Nach einer für Angela ziemlich unruhigen Nacht – ich selbst hatte dank meiner Ohrstöpsel kaum etwas davon mitbekommen – genossen wir das Frühstück im schattigen Garten unter den Bäumen umso mehr. Diesmal fiel das morgendliche Sonnenlicht auf die Rückseite jener gezackten Bergkette, die uns schon bei der Ankunft an den Rosengarten in den Dolomiten erinnert hatte.


Nach dem ausgiebigen Frühstück machten wir uns langsam auf den Weg. Die Strecke bis Fierzë war zwar nicht besonders weit, aber wir wollten früh genug am Anleger sein, um bei der Verladung der Fahrzeuge möglichst weit vorne in der Schlange zu stehen. Wie sich später herausstellen sollte, war das eine gute Entscheidung – wenn auch noch lange keine Garantie für einen Platz auf der Fähre.
Noch einmal durch die Shoshan-Schlucht
Zunächst ging es wieder bergab durch die Shoshan-Schlucht. Diesmal stand die Sonne günstiger, sodass wir einige schöne Aufnahmen vom Wasserlauf und den hellen Felswänden machen konnten. Die Schlucht wurde vom Valbona-Fluss in den Kalkstein der Albanischen Alpen geschnitten. Wasser dringt hier in Spalten und Risse ein, löst den Kalk und trägt gleichzeitig Sand, Kies und Geröll mit sich. Über sehr lange Zeit entstand so der schmale Einschnitt, durch den heute Straße und Fluss gemeinsam das Gebirge verlassen.

Die Landschaft ist typisch für die stark verkarsteten Albanischen Alpen: steile Kalk- und Dolomitfelsen, ausgewaschene Rinnen und Wasser, das stellenweise im Untergrund verschwindet und an anderer Stelle als Quelle wieder hervortritt. In der Shoshan-Schlucht verengt sich das Tal noch einmal deutlich, bevor es sich in Richtung Bajram Curri und Fierzë öffnet.

Mit jedem Höhenmeter veränderte sich auch die Vegetation. Im oberen Valbona-Tal hatten wir noch viele Buchen, Tannen, Fichten und Kiefern gesehen. Weiter unten wurden die Nadelbäume seltener. Stattdessen bestimmten niedrigere Laubbäume, Sträucher und trockenes Gras das Bild. Direkt am Wasser standen weiterhin Erlen und Weiden, während die sonnigen Hänge deutlich karger und trockener wirkten. Innerhalb weniger Kilometer wechselten wir damit von einer fast alpinen Berglandschaft in ein wesentlich wärmeres, bereits beinahe mediterran wirkendes Tal.
Fifty-fifty in Fierzë
Als wir am Anleger in Fierzë ankamen, lautete die erste Frage: „Habt ihr eine Reservierung?“
Natürlich hatten wir keine. Während unserer Planung war uns an keiner Stelle aufgefallen, dass man für die Autofähre reservieren konnte – oder besser gesagt reservieren sollte.
„Wie stehen denn unsere Chancen?“
Die Antwort war nicht gerade beruhigend: „Fifty-fifty.“
Der freundliche Mitarbeiter am Anleger rief sogar beim Kapitän der Fähre an. Eigentlich sei das Schiff voll, lautete dessen Antwort. Der Mann empfahl uns trotzdem, zu warten. Also stellten wir den Mini ab, tranken einen Kaffee und genossen erst einmal die Aussicht über den Stausee. Viel mehr konnten wir ohnehin nicht tun.
Gegen zwölf Uhr kam die Fähre aus Koman und wurde zunächst entladen. Ein Einheimischer, der das Geschehen beobachtet hatte, gab uns einen weiteren Tipp: Wir sollten direkt zum Kapitän gehen und ihn noch einmal persönlich fragen, ob wir mitkommen könnten.
Also gingen wir zu ihm.
„Was habt ihr für ein Auto?“
„Einen Mini Cooper.“
„Ihr habt doch schon angerufen. Dann wartet.“
Damit war noch immer nichts entschieden, aber immerhin waren wir offenbar nicht vollständig aussortiert.
Langsam leerte sich die Fähre. Anschließend füllte sie sich genauso langsam wieder. Die Fahrzeuge mussten rückwärts zwischen den Aufbauten und Säulen eingeparkt werden. Zentimeter für Zentimeter dirigierte die Besatzung sie auf ihre Plätze, während wir danebenstanden und versuchten abzuschätzen, ob irgendwo noch eine Mini-große Lücke übrig bleiben würde.
Gegen 12:30 Uhr erklärte der Kapitän, er werde noch bis 12:45 Uhr auf drei reservierte Fahrzeuge warten. Außer uns standen noch weitere Autos am Anleger. Einen VW-Bus hatte er bereits zurückgeschickt, und auch für eine Gruppe mit polnischen Geländewagen sah es nicht gut aus.
Dann zeigte der Kapitän plötzlich auf mich: „Hol das Auto, stell dich rückwärts hierhin und reihe dich hinter dem weißen Wagen ein.“
Das ließ ich mir natürlich nicht zweimal sagen. Wenige Minuten später stand der Mini tatsächlich auf der Fähre. Wieder einmal hatten wir Glück gehabt und waren als eines der letzten Fahrzeuge noch mitgenommen worden.

Unsere Mississippi-Tour über den Komansee
Die ersten Kilometer waren zunächst noch wenig spektakulär. Vor allem war es heiß. Trotzdem hatten wir Glück: Obwohl wir fast als Letzte an Bord gekommen waren, fanden wir noch zwei Sitzplätze im Schatten. Der See war anfangs relativ breit, und von der berühmten engen Schlucht war noch nicht viel zu erkennen.

Der Komansee ist kein natürlicher See, sondern ein Stausee des Drin. Er entstand in den 1980er-Jahren durch den Bau des Koman-Staudamms und die Aufstauung des Flusstals. Aus einem abgelegenen Gebirgstal wurde dadurch eine langgestreckte Wasserstraße, die sich zwischen den steilen Bergen hindurchwindet. Die Fähren dienen deshalb nicht nur Touristen, sondern verbinden auch Orte und einzelne Häuser, die vom Land aus nur schwer oder überhaupt nicht erreichbar sind.

Je weiter wir fuhren, desto schmaler wurde der See. Die Berge rückten näher zusammen, ihre Hänge wurden höher und felsiger. Besonders im unteren Bereich standen viele Laubbäume und Büsche, ähnlich wie an den Hängen, die wir am Vortag auf dem Weg durch den Kosovo gesehen hatten. Darüber ragten helle Felswände und kahle Gipfel auf.
Da sich der See in ständig wechselnden Richtungen durch das Gebirge windet, wanderte auch der Schatten. Irgendwann war unser Platz plötzlich kein Schattenplatz mehr. Von da an saßen wir auf dem Deck und wurden langsam vor uns hin gegrillt. Hinunter auf das Fahrzeugdeck konnten wir ebenfalls nicht ausweichen: Dort stand der Deckel des Motorraums offen, und die Abwärme heizte den unteren Teil des Boots mindestens ebenso stark auf wie die Sonne das Oberdeck.

Ein bisschen fühlte ich mich wie auf einem Mississippi-Dampfer in einem alten Hollywoodfilm: ein rustikales Schiff, flirrende Hitze, felsige Ufer und Passagiere, die möglichst regungslos auf eine kühlende Brise warteten. Nur die elegante Veranda, der Ventilator und ein kaltes Getränk fehlten.
Die Fahrt zog sich unter diesen Bedingungen ganz schön hin. Zwischendurch kochte ich mir mit unserer USB-Kaffeemaschine noch einen Espresso – wenn man schon gegrillt wird, dann wenigstens mit Kaffee.

Irgendwann kam endlich Koman in Sicht. Hinter den letzten Windungen des Sees tauchten die technischen Anlagen des Wasserkraftwerks, der Staudamm und der kleine Anleger auf. Nach mehreren Stunden Natur erinnerte die Umgebung plötzlich wieder daran, dass diese spektakuläre Wasserlandschaft durch ein riesiges Energieprojekt entstanden ist.
Unsere Fähre war sicherlich nicht die modernste auf dem See, dafür aber umso rustikaler. Eine Passagierfähre und eine weitere Autofähre hatten uns unterwegs überholt und lagen bereits vor uns am Anleger. Deshalb mussten wir noch einmal etwa 15 Minuten auf dem Wasser warten. Inzwischen sehnten wir uns beide nur noch nach der Klimaanlage des Minis.

Durch den Tunnel zurück auf die Straße
Der Anleger von Koman liegt auf der Seeseite direkt hinter dem Staudamm. Vom kleinen Hafengelände führt zunächst ein langer, schmaler Tunnel durch den Berg. Er ist theoretisch breit genug für zwei Autos – zumindest solange keines davon ein Bus oder ein größeres Nutzfahrzeug ist.
Zusätzlich liefen sämtliche Fußpassagiere mit Taschen und Gepäck durch denselben Tunnel. Fahrzeuge, Busse und Menschen bewegten sich gleichzeitig in beide Richtungen, und bei jeder Begegnung mit einem größeren Fahrzeug begann ein neues gegenseitiges Vorbeitasten.
Wir waren froh, im klimatisierten Auto zu sitzen, und schalteten vorsichtshalber auf Umluft. Weil wir als vorletztes Fahrzeug rückwärts an Bord gefahren waren, standen wir beim Entladen nun an zweiter Position – diesmal ganz vorne. Außerdem blieben die Busse nach dem Tunnel zunächst noch stehen. So schafften wir es, vor den meisten anderen Fahrzeugen davonzukommen. Die Autos der früher angekommenen Fähren waren zu diesem Zeitpunkt bereits verschwunden.
Schildkrötenwechsel
Danach kamen wir eigentlich ganz gut voran. Hinter einer Kurve mussten wir allerdings plötzlich stark abbremsen. Nachdem wir auf den Straßen dieser Reise bereits Kühe, Schafe, Ziegen, Schweine und Hunde erlebt hatten, war eine Landschildkröte tatsächlich noch etwas Neues.

Ganz gemächlich überquerte sie die Fahrbahn – im Schildkrötentempo natürlich. Trotzdem war sie am Ende schneller als erwartet. Bis Angela die Kamera bereit hatte, war sie fast schon wieder im Gebüsch auf der anderen Straßenseite verschwunden.
Rauch über dem Weg nach Kruja
Nachdem wir das enge Tal von Koman verlassen hatten, öffnete sich die Landschaft. Zunächst fuhren wir auf einer ruhigen Straße etwas oberhalb des breiten Tals, später wurde der Verkehr dichter. In der Ebene nördlich von Tirana war es flirrend heiß, trocken und stellenweise staute es sich. Das Dach des Minis blieb deshalb wieder geschlossen.
Schon von Weitem hatten wir eine riesige Rauchwolke über den Bergen gesehen. Als wir mit der Auffahrt nach Kruja begannen und das Dach wieder öffneten, roch es deutlich nach Feuer. Mehrfach flogen Hubschrauber mit großen Wasserbehältern unter sich an uns vorbei. Offenbar wurde irgendwo in den bewaldeten Hängen ein Brand bekämpft. Nach dem großen Feuer auf Korčula wenige Wochen zuvor war uns dieser Anblick leider nur allzu vertraut.

Kruja zwischen Burg und Basar
In Kruja hatten wir ein sehr schönes Hotel direkt in der Altstadt. Auch der Parkplatz lag erfreulich nah am Hotel – in den steilen und engen Gassen keine Selbstverständlichkeit.

Von der Dachterrasse blickten wir auf der einen Seite zur Burg und auf der anderen Seite weit hinunter in die Ebene. In der Ferne konnten wir sogar das Meer erkennen. Am Abend verschwand die Sonne genau dort am Horizont und bescherte uns einen wunderbaren Sonnenuntergang.

Kruja liegt hoch über der Ebene am Hang des gleichnamigen Berges und gehört zu den geschichtlich bedeutendsten Orten Albaniens. Die Burg ist eng mit Gjergj Kastrioti Skënderbeu, bei uns meist Skanderbeg genannt, verbunden. Von hier aus organisierte er im 15. Jahrhundert den Widerstand gegen das Osmanische Reich und wurde später zum albanischen Nationalhelden.

Von der ursprünglichen mittelalterlichen Festung sind nur noch Teile erhalten. Innerhalb der Mauern stehen heute unter anderem das Skanderbeg-Museum, ein ethnografisches Museum, ein alter Uhrturm und mehrere traditionelle Wohnhäuser. Dadurch wirkt die Anlage nicht wie eine abgeschlossene Ruine, sondern eher wie ein kleines historisches Viertel hoch über der Stadt.
Zum Abendessen gingen wir durch den alten Basar hinauf zur Burg. Ein großer Teil der Geschäfte war bereits geschlossen. Dafür hatten wir ausreichend Gelegenheit, uns auf das Kopfsteinpflaster zu konzentrieren. Die Steine waren durch unzählige Schuhe über viele Jahre so glatt poliert worden, dass manche Stellen beinahe wie Eis wirkten.

Einige Ladenbesitzer hatten vor ihren Eingängen bereits Streifen aus rauem Material oder Sandpapier aufgeklebt. Wo diese fehlten, bewegten wir uns äußerst vorsichtig. Einen eleganten Auftritt hätten wir bei einem Ausrutscher auf diesem historischen Pflaster vermutlich nicht hingelegt.
Innerhalb der Burganlage aßen wir traditionell albanisch. Ich entschied mich für Tavë Kosi: Lammfleisch, das mit einer Mischung aus Joghurt und Eiern überbacken wird. Dazu bestellten wir einen griechischen Salat, gegrilltes Gemüse und einen weiteren Salat, der etwas an Tzatziki erinnerte und kleine Teigbällchen enthielt. Alles war sehr lecker, und auch der albanische Weißwein passte hervorragend dazu.

Auch dieser Tag endete noch später als der vorherige. Besonders weit waren wir zwar nicht gefahren, aber die Eindrücke hatten es wieder in sich: die morgendliche Fahrt durch die Shoshan-Schlucht, das Warten auf einen Platz für den Mini, unsere heiße Mississippi-Tour über den Komansee, der chaotische Tunnel, eine überraschend schnelle Schildkröte, der Rauch über den Bergen und schließlich Kruja mit seiner Burg.
Entsprechend erschöpft fielen wir ins Bett. Diesmal hatten wir eine Klimaanlage und damit eine angenehm kühle Raumtemperatur. Unser Zimmer lag zur Dachterrasse und nicht zur Straße, sodass es auch wunderbar ruhig war. Nach diesem langen Tag dauerte es nicht lange, bis wir beide tief und fest schliefen.



