Zwischen alten Kirchen, tausend Fenstern und Sonnenuntergang

Ein Tag ohne Auto in Berat: Kirchen in der Burg, das Onufri-Museum, Mangalem, die Gorica-Brücke, albanisches Essen und ein Sonnenuntergang.

Heute war tatsächlich der erste Tag unserer Albanienreise, an dem das Auto einfach stehen blieb. Nach einem guten und ausgiebigen Frühstück im Innenhof unserer Unterkunft machten wir uns zu Fuß auf den Weg. Schon am Vormittag war es unangenehm warm, aber noch nicht so heiß, dass jede Steigung zur Herausforderung wurde.

Auf der Burgmauer

Zunächst gingen wir zum Burgtor und hinauf auf die Mauer. Diesmal hatten wir die Sonne im Rücken und konnten den Blick über das Tal, den Osum und die Unterstadt deutlich entspannter genießen als am Abend zuvor.

Die Burg erkunden

Danach ließen wir uns ohne festen Plan durch die Gassen der bewohnten Burg treiben. Unterwegs hörten wir plötzlich orthodoxe Gesänge, die über die Mauern zu schweben schienen. Einen Mönch fanden wir allerdings nicht: Die Musik kam aus einem Lautsprecher an der Kirche der Heiligen Maria von Blachernae, einer der ältesten erhaltenen Kirchen Berats.

Eine grüne Gasse in der Burg von Berat

In Albanien waren während der kommunistischen Zeit sämtliche Religionen verboten. Kirchen, Moscheen und Klöster wurden geschlossen, zweckentfremdet oder dem Verfall überlassen. Seit den 1990er-Jahren sind einige der Gebäude wieder Gotteshäuser, andere wurden zu Museen, restaurierten Kulturdenkmälern oder blieben als Ruinen erhalten. Umso erstaunlicher war es, in welch gutem Zustand sich die kleine Marienkirche mit ihren alten Wandmalereien noch befand.

Etwas irritierend war zunächst das offene Loch im Boden der Vorhalle. Als wir erfuhren, dass sich direkt unter der Kirche eine alte Wasserzisterne befindet, ergab es allerdings Sinn. Die Bewohner der befestigten Oberstadt mussten schließlich auch während einer Belagerung mit Wasser versorgt werden.

Die Vorhalle der Kirche der Heiligen Maria von Blachernae mit der Öffnung zur Zisterne – im Inneren durften wir nicht fotografieren

Anschließend gingen wir weiter zur Akropolis, um die Holy Trinity Church, die orthodoxe Dreifaltigkeitskirche, noch einmal von innen zu sehen. Sie stammt aus dem späten 13. oder frühen 14. Jahrhundert und steht auf einem Felssporn an der südlichen Burgmauer. Von außen hatten uns bereits die roten Ziegelmuster im Mauerwerk gefallen. Innen sind noch Reste der alten Fresken mit Heiligen, Engeln und biblischen Szenen zu erkennen.

Die Holy Trinity Church auf der Akropolis
Eine der erhaltenen Wandmalereien in der Holy Trinity Church

Mittlerweile war es gegen Mittag sehr heiß geworden. Als wir an der Sunset View Bar vorbeikamen, stand zwar die Tür offen, ansonsten deutete aber nichts auf einen laufenden Betrieb hin. Trotzdem nahmen wir auf gut Glück an einem schattigen Tisch mit Aussicht über das Tal Platz.

Wir saßen dort eine ganze Weile, genossen den Schatten und erholten uns von der Hitze, doch zunächst erschien niemand. Irgendwann sahen wir in einiger Entfernung eine Frau Wäsche aufhängen. Als sie uns bemerkte, konnte man ihr deutlich ansehen, was ihr gerade durch den Kopf ging: Oh Gott, Gäste!

Sie kam schnell herbei, schloss zunächst das Tor und erklärte uns, dass gleich jemand kommen würde. Wenig später erschien der Besitzer. Im Hauptberuf arbeitet er als Jurist beim städtischen Wasserwerk und öffnet seine Bar normalerweise erst nach Feierabend. Für uns hatte er seinen Arbeitstag offenbar etwas früher beendet. Wir bekamen kalte Getränke und unterhielten uns lange und sehr nett mit ihm.

Nach dieser Stärkung ging es weiter zum Nationalen Ikonografischen Museum Onufri. Das Museum befindet sich in der ehemaligen Kathedrale Mariä Entschlafung, die Ende des 18. Jahrhunderts errichtet wurde. Besonders beeindruckend ist die reich geschnitzte und vergoldete Ikonostase. Hinzu kommt eine umfangreiche Sammlung orthodoxer Ikonen und kirchlicher Gegenstände, darunter auch Werke von Onufri und seinem Sohn Nikolla.

Wir nahmen zwar den Audioguide, mussten aber bald feststellen, dass uns die Vielzahl der Künstler, Heiligen, Darstellungen und theologischen Bedeutungen irgendwann überforderte. Die Ikonen waren beeindruckend, aber nach mehreren Kirchen und sehr vielen ausführlichen Erklärungen war unsere Aufnahmefähigkeit für orthodoxe Kunst für diesen Tag weitgehend ausgeschöpft.

Inzwischen war es so heiß geworden, dass wir auf dem Rückweg erst einmal einen Eiskaffee brauchten. Danach warfen wir noch einen letzten Blick in die Kirche St. Sophia. Auch sie erzählt viel von der jüngeren Geschichte Albaniens: Im Zweiten Weltkrieg wurde sie schwer beschädigt, während der kommunistischen Zeit diente das Gebäude als Kindergarten. Nach einer umfangreichen Restaurierung wurde die Kirche 2024 wieder als Gotteshaus eingeweiht. Vielleicht wirkte sie deshalb im Vergleich zu den anderen Kirchen beinahe ungewohnt neu.

Die orthodoxe Kirche St. Sophia – historisch und frisch restauriert

Wie viele Gotteshäuser es innerhalb der Burg tatsächlich gab und wie viele davon heute noch erhalten sind, hängt ein wenig von der Zählweise ab. Die offizielle albanische Tourismusseite spricht von einst rund 42 Kirchen, von denen ungefähr acht erhalten geblieben sind. Die Tourismusinformation der Stadt Berat zählt heute zwölf Kirchen beziehungsweise Kirchenreste sowie die Ruinen zweier mittelalterlicher Moscheen.

Dass auf einer Fläche von nicht einmal zehn Hektar so viele Gotteshäuser standen, erklärt sich dadurch, dass die Kalaja nie nur eine militärische Festung war. Sie war eine dicht bewohnte Oberstadt mit eigenen Wohnvierteln, Handwerkern und Händlern. Die überwiegend christliche Bevölkerung errichtete besonders im Mittelalter zahlreiche kleine Kirchen. Nach Beginn der osmanischen Herrschaft im Jahr 1417 kamen Moscheen hinzu. So liegen innerhalb der Mauern bis heute die Spuren verschiedener Epochen und Glaubensgemeinschaften ungewöhnlich eng nebeneinander.

Auf unserem  Weg durch die Burg kamen wir immer wieder mit Menschen ins Gespräch – mit Einheimischen ebenso wie mit anderen Reisenden. Gerade diese vielen kleinen Begegnungen machten den Spaziergang besonders, sorgten aber auch dafür, dass es schließlich schon 16:30 Uhr war.

Für 18 Uhr hatten wir einen Tisch unten im Tal reserviert. Viel Zeit zum Ausruhen blieb daher nicht. Wir erfrischten uns kurz und machten uns anschließend wieder auf den Weg hinunter, zunächst durch den historischen Stadtteil Mangalem.

Die Stadt der tausend Fenster

Berat wird häufig als „Stadt der tausend Fenster“ bezeichnet. Besonders gut erkennt man den Grund dafür in Mangalem: Die weißen, osmanisch geprägten Häuser stehen so dicht und steil übereinander am Hang, dass die langen Fensterreihen wie gestapelt erscheinen. Auf der gegenüberliegenden Seite des Osum liegt der ebenfalls historische Stadtteil Gorica mit seinen engen Gassen und traditionellen Häusern.

Liebevolle Details an den Hausfassaden

Verbunden werden die beiden Seiten heute durch mehrere Übergänge. Am bekanntesten ist die historische Gorica-Brücke mit ihren sieben Steinbögen. Von dort hat man einen besonders schönen Blick auf die dicht an den Hang gebauten Häuser von Mangalem und hinauf zur Burg.

Die Gorica-Brücke über den Osum

Im Eni Traditional Albanian Food bekamen wir wieder einmal ein sehr gutes und typisch albanisches Essen – eher ehrliche Hausmannskost als moderne Restaurantküche. Angela entschied sich für sehr leckere gefüllte Auberginen, während ich meiner bisherigen Linie treu blieb und erneut eine Lammvariation bestellte.

Im Eni Traditional Albanian Food mit Blick auf die Unterstadt Mangalem

Für mich gab es Tavë Kosi me Mish Qengji, Lammfleisch in einer gebackenen Joghurt-Eier-Sauce. Ein einfaches, kräftiges und sehr sättigendes Gericht, das deutlich besser schmeckt, als es sich beschreiben lässt.

Nachdem wir aufgegessen hatten, kam die Köchin persönlich an unseren Tisch. Sie erkundigte sich nicht nur, ob es uns geschmeckt hatte, sondern bat uns anschließend auch sehr direkt um eine Fünf-Sterne-Bewertung bei Google. Damit wir nicht versehentlich auf der falschen Seite landeten, hielt sie bereits einen passenden QR-Code bereit. Albanische Gastfreundschaft trifft modernes Bewertungsmanagement.

Blick auf Mangalem

Sowohl die Besichtigung der Unterstadt als auch das Essen waren wegen der Hitze etwas zügiger verlaufen als ursprünglich gedacht. Damit bestand tatsächlich noch die Chance, zum Sonnenuntergang wieder oben in der Burg zu sein. Mittags hatte uns der Wirt der Sunset View Bar schließlich noch vorgeschwärmt, wie schön und romantisch der Abend von seiner Terrasse aus sei.

Also machten wir uns relativ zügig wieder auf den Weg nach oben. „Zügig“ ist an dieser Stelle allerdings ein dehnbarer Begriff, denn der Weg zur Burg ist wirklich sehr steil. Nach dem Essen und bei der immer noch stehenden Wärme fühlte sich jeder Meter doppelt so lang an.

Auf dem Weg kamen wir an den Resten der St.-Georgs-Kirche vorbei. Die im 18. Jahrhundert errichtete Kirche wurde während der kommunistischen Zeit stark verändert. In den 1980er-Jahren riss man den oberen Teil ab und baute das Gebäude zu einer staatlichen Residenz um. Von der ursprünglichen Kirche sind vor allem die alten Mauern des Erdgeschosses erhalten geblieben – ein weiteres Beispiel dafür, wie wechselhaft die Geschichte der religiösen Bauwerke innerhalb der Burg verlief.

Die erhaltenen Reste der St.-Georgs-Kirche

Etwas weiter oben steht das Minarett der Roten Moschee, der Xhamia e Kuqe. Sie entstand vermutlich bereits im 15. Jahrhundert, kurz nach der osmanischen Eroberung Berats, und gilt damit als eine der ältesten Moscheen Albaniens. Ihren Namen erhielt sie durch die roten Ziegel, die zusammen mit hellem Kalkstein verbaut wurden. Vom eigentlichen Gebetsraum sind heute nur noch Grundmauern erhalten, während das schlanke Minarett weithin sichtbar über den Ruinen steht.

Das Minarett der Roten Moschee

Ganz rechtzeitig zur Sunset View Bar schafften wir es dann doch nicht mehr. Immerhin standen wir oberhalb der Akropolis, als die Sonne gerade hinter den Hügeln verschwand. Das warme Licht fiel auf die alten Mauern, die Kuppel der Dreifaltigkeitskirche und die Dächer der bewohnten Burg. Auch ohne reservierten Logenplatz war die Stimmung wunderschön.

Sonnenuntergang über der Akropolis

Danach gingen wir trotzdem noch einmal zur Bar, tranken einen Absacker und unterhielten uns noch etwas mit dem Wirt. Gegen 21 Uhr kehrten wir schließlich in unsere Unterkunft zurück. Das Auto hatte sich den ganzen Tag keinen Meter bewegt – wir dafür umso mehr.

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