
Der dritte Reisetag führte uns von Lëpushë nach Valbona. Auf direktem Weg liegen die beiden Orte gar nicht so weit auseinander – jedenfalls, wenn man über die Berge fliegen oder wandern könnte. Mit dem Auto mussten wir dagegen einen großen Bogen durch Montenegro und den Kosovo fahren. Am Ende standen rund 260 Kilometer und drei Grenzübertritte auf dem Tagesprogramm.
Neben der Tatsache, dass wir neugierig waren und auch einmal den Kosovo sehen wollten, hatte die Route einen praktischen Grund: Wir wollten nicht sowohl auf der Hin- als auch auf der Rückfahrt den Weg über den Koman-Stausee nehmen. Aber dazu mehr am vierten Tag.
Oben an der Straße hielten wir noch einmal an und verabschiedeten uns mit einem letzten Blick von der Hochebene von Lëpushë. Im Hintergrund lag unser „Rosengarten“, dessen gezackte Felsen uns immer wieder an das gleichnamige Bergmassiv in Südtirol erinnerten.

Über Plav, Berane und Rožaje
Zunächst führte uns die Reise wie schon am Vortag über Vermosh und den kleinen Grenzübergang Grnčar wieder nach Montenegro. Wir kamen erneut an Gusinje und am Plavsee vorbei, bevor für uns hinter Plav eine neue Strecke in Richtung Berane begann.

Am Vormittag galt es erst einmal, Strecke zu machen. Von Lëpushë ging es zunächst fast nur bergab. Richtung Berane öffnete sich das Tal immer weiter. Die einsamen Berglandschaften wurden allmählich von größeren Ortschaften, Gewerbebauten und ersten Industrieanlagen abgelöst.
Berane liegt im breiten Tal des Lim und ist eines der regionalen Zentren im Nordosten Montenegros. Für uns war die Stadt an diesem Tag vor allem ein Wegpunkt. Wir fuhren weiter in Richtung Rožaje, und schon bald wurde die Landschaft wieder hügeliger und bewaldeter.
Da unser Tank nur noch zu etwa einem Drittel gefüllt war, stellte sich unterwegs die übliche Frage: Wo tanken wir diesmal – in Montenegro oder im Kosovo? Laut Internet sollte der Kraftstoff im Kosovo günstiger sein. Google zeigte uns auf unserer geplanten Strecke dort allerdings keine einzige Tankstelle an. Also machten wir es uns einfach und tankten kurz vor der Grenze in Rožaje für 1,77 Euro pro Liter voll.
Hinter Rožaje schraubte sich die Straße durch die Berge hinauf zum Grenzübergang Kula. Der montenegrinische und der kosovarische Kontrollpunkt liegen hier mehrere Kilometer auseinander. Dazwischen fährt man durch eine eigenartige Zwischenwelt aus Bergstraße, Felsen und Wald, bevor schließlich der zweite Grenzposten auftaucht.
Eine kostenlose Versicherung für den Kosovo
Am kosovarischen Grenzposten hielt ich zunächst an, um die obligatorische Fahrzeugversicherung abzuschließen. Kaum stand der Mini vor dem kleinen Versicherungsschalter, kamen hinter uns jedoch gleich mehrere Fahrzeuge an. Also schickte ich Angela kurzerhand zum Schalter und reihte mich wieder in die Warteschlange ein.
Die Abfertigung ging dann doch schneller als erwartet. Ich musste noch zwei Fahrzeuge vorlassen, bevor Angela freudestrahlend zurückkam. Sie hatte die notwendige Versicherung bekommen, aber nichts dafür bezahlen müssen.
Der Mann am Schalter sprach offenbar entweder Albanisch oder Deutsch. Er hatte selbst fünf Jahre in Deutschland gelebt und freute sich so sehr über seine deutschsprachige Kundin, dass er ihr die Versicherung einfach kostenlos ausstellte. Wie genau das buchhalterisch funktionierte, blieb sein Geheimnis. Wir nahmen es jedenfalls dankbar als eine weitere dieser kleinen, unerwarteten Begegnungen auf dem Balkan mit.
Hinter der Grenze ging es über einen steilen Pass wieder bergab. Nach einer Kurve öffnete sich plötzlich der Blick weit hinunter in die Ebene. Im ersten Moment sah die helle Fläche in der Ferne beinahe wie das Meer aus. Das konnte allerdings nicht sein – so weit hatten wir uns nun wirklich nicht verfahren.

Es war an diesem Tag sehr diesig. Die Bergketten und die weite Ebene rund um Peja verschwammen in einem milchigen Schleier, weshalb unsere Landschaftsaufnahmen leider kaum etwas geworden sind. Trotzdem war der erste Blick hinunter in den Kosovo beeindruckend: Nach den engen und grünen Tälern Montenegros lag unter uns plötzlich eine überraschend weite Landschaft.
Durch die Rugova-Schlucht
Bei Peja, das auch unter dem serbischen Namen Peć bekannt ist, hatten wir unseren ersten größeren Zwischenstopp geplant. Die Stadt liegt unmittelbar am Fuß der Berge und gilt als Tor zur Rugova-Region und zum Nationalpark Bjeshkët e Nemuna, dem kosovarischen Teil der „Verwunschenen Berge“.
Fast direkt hinter der Stadt beginnt die Rugova-Schlucht. Der Lumbardhi-Fluss hat sich dort tief zwischen die steilen Felswände geschnitten. Die Straße folgt dem Wasser über Serpentinen, durch kurze Tunnel und unter mächtigen Felsüberhängen hindurch. Zwischendurch gibt es kleine Stellen mit Blick auf den Fluss und Möglichkeiten, ans Wasser zu gelangen oder zu baden.

Wir fuhren zunächst immer weiter bergauf. Im oberen Teil wurde das Tal breiter, der Fluss verschwand aus unserem Blickfeld und die Strecke verlor für uns etwas von ihrem besonderen Reiz. Deshalb beschlossen wir umzudrehen und uns einen Platz für unsere Mittagspause zu suchen.
Einen richtigen Rastplatz fanden wir nicht. Dafür entdeckten wir am Straßenrand ein schattiges Plätzchen unter einem Baum und packten dort unser improvisiertes Picknick aus.
Bei unserer Ankunft in der Pension Alpini zwei Tage zuvor hatte Angela der Mitarbeiterin in der Küche unsere kleine Kühltasche und etwas Gemüse zum Kühlen gegeben. Offenbar hatte sie die Kühltasche für eine Gefriertasche gehalten und den gesamten Inhalt kurzerhand in die Gefriertruhe gelegt.
Unsere bereits hart gekochten Eier waren deshalb nicht nur hart gekocht, sondern zusätzlich steinhart gefroren. Der Käse war inzwischen wieder halbwegs aufgetaut. Wenn man die Eier eine Weile in den Händen hielt, konnte man sie zumindest schälen – zum Essen waren sie im Inneren allerdings noch immer deutlich zu kalt und zu fest.
Das Gemüse hatte zum Glück nur im normalen Kühlschrank gelegen. So konnten wir uns wenigstens darüber hermachen. Zum Abschluss gab es noch einen Espresso aus unserer kleinen USB-Kaffeemaschine. Viel mehr braucht es manchmal gar nicht: ein Baum, ein paar Paprika, etwas Käse und ein Kaffee mitten in den Bergen.

Inzwischen hatte der Verkehr deutlich zugenommen. Auf der Rückfahrt kamen uns nicht nur die Ausflügler entgegen, die erst am Nachmittag in die Berge wollten, sondern auch zahlreiche Fahrzeuge, die bereits wieder nach Peja zurückkehrten.
Vor uns tauchte zudem der nächste Lastwagen auf – insgesamt war es bereits der dritte auf dieser schmalen Bergstraße. Warum so viele Lkw durch die enge Schlucht fuhren, blieb uns ein Rätsel. An jeder Engstelle kam der Verkehr zum Stillstand, da ein Lkw und ein Pkw kaum nebeneinanderpassten. Zum Glück ließ uns unser Lastwagenfahrer irgendwann vorbeifahren.
Das nächste Hindernis wartete allerdings schon in einem der schmalen Tunnel. Bei der Hinfahrt hatte ich noch gedacht, wie eng es dort war. Nun wollte auf beiden Seiten offenbar niemand nachgeben. Die Fahrzeuge schoben sich immer dichter aneinander, bis schließlich gar nichts mehr ging und sich auf beiden Seiten ein längerer Rückstau bildete.
Auch in Peja selbst war der Verkehr an diesem Samstagnachmittag entsprechend dicht. Wir krochen so langsam durch die Stadt, dass selbst der Fahrtwind nicht mehr ausreichte, um uns zu kühlen. Also musste das Dach des Minis erst einmal geschlossen werden.
An der Ortsausfahrt öffnete ich es während der langsamen Fahrt wieder voller Vorfreude – beim Mini funktioniert das bis ungefähr 30 Kilometer pro Stunde. Wenige Augenblicke später hingen wir allerdings hinter den nächsten beiden Lastwagen fest. Nachdem ich sie endlich überholen konnte, fuhr längere Zeit ein KFOR-Fahrzeug gemächlich vor uns her. Insgesamt begegneten uns an diesem Tag zwei Fahrzeuge der internationalen Schutztruppe. Im normalen Straßenbild war von ihrer Präsenz sonst kaum etwas zu sehen, doch hier wurde uns bewusst, dass die Mission nach wie vor zum Kosovo gehört.
In den Ortschaften galt häufig Tempo 40. Besonders die zahlreichen Autos mit Schweizer Kennzeichen hielten sich sehr gewissenhaft daran. Ob tatsächlich regelmäßig kontrolliert wird, können wir nicht sagen. Polizei sahen wir auf der gesamten Strecke kaum.

Unterwegs begegneten uns immer wieder amerikanische Flaggen, Straßennamen und andere Hinweise auf die enge Verbundenheit vieler Kosovaren mit den USA. Sie hat vor allem historische Gründe: Die Vereinigten Staaten werden im Kosovo stark mit der NATO-Intervention von 1999 und mit der späteren Unterstützung des jungen Staates verbunden.
Samstagnachmittag im alten Basar von Gjakova
Wir legten noch einen kleinen Umweg über Gjakova ein. Dort sollte der alte Basar besonders schön und traditionell erhalten sein. Schon die Fahrt ins Zentrum erwies sich allerdings als Geduldsprobe. Der Samstagnachmittagsverkehr war immens, und wir schleppten uns langsam durch die Innenstadt.

Den eigentlichen Basar zu finden, war erstaunlich schwierig. Am Anfang entdeckten wir noch ein Schild in Richtung Zentrum, danach war es mit der Beschilderung jedoch vorbei. Auch Google hatte keinen eindeutig markierten Altstadtkern in der Karte eingezeichnet.
Unterwegs kaufte Angela in einer Apotheke noch eine Creme. Als ich mich bei der Apothekerin wie gewohnt auf Kroatisch bedanken wollte, fiel mir ein, dass wir uns hier sprachlich in einer ganz anderen Umgebung befanden. Also fragte ich, ob sie auch Serbokroatisch spreche. Selbst die Glasscheibe zwischen uns schützte mich nicht vor ihrem stechenden Blick. Sie blieb zwar höflich, machte mir aber sichtlich aufgebracht klar, dass hier Albaner lebten und Albanisch gesprochen wurde. In diesem Moment fiel mir wieder ein, welche Rolle Serbien im Kosovokrieg gespielt hatte. Etwas peinlich berührt verabschiedeten wir uns und zogen weiter.
Schließlich fanden wir die Çarshia e Madhe, den Großen Basar von Gjakova. Er entstand bereits in osmanischer Zeit und war über Jahrhunderte das wirtschaftliche Zentrum der Stadt. In seinen Werkstätten arbeiteten unter anderem Schneider, Gerber, Holzhandwerker und Metallverarbeiter. Während des Kosovokrieges wurde ein großer Teil des Basars zerstört und später wieder aufgebaut.

Heute zieht sich der Basar mit niedrigen Geschäftshäusern, Holzbalkonen, gepflasterten Straßen und kleinen Innenhöfen durch die Altstadt. Ein wenig erinnerte er uns an den Basar von Sarajevo, allerdings wesentlich weniger herausgeputzt. Manche Abschnitte waren schön renoviert, andere wirkten vernachlässigt. Bei einigen Läden war deutlich zu erkennen, dass dort schon länger niemand mehr gearbeitet hatte.
Der dichte Verkehr in der Stadt stand in starkem Gegensatz zur Ruhe im Basar. Die Handwerker scheinen samstags überwiegend nur bis mittags zu arbeiten, denn die meisten Geschäfte waren bereits geschlossen. Trotzdem konnte man sich gut vorstellen, wie lebendig die Straßen an einem normalen Werktag sein müssen.
Wir liefen zunächst in Richtung Osten. Glücklicherweise fiel auf einer Straßenseite ein schmaler Schattenstreifen an die Häuserwand, sodass wir der Nachmittagssonne wenigstens etwas ausweichen konnten. Irgendwann endeten jedoch die Geschäfte, ohne dass wir ein geöffnetes Café gefunden hatten.
Also liefen wir zu einem Lokal zurück, das uns auf dem Hinweg gefallen hatte. Inzwischen war auch dieses geschlossen. Gegenüber wartete noch ein Barista auf Kundschaft. Wir bestellten einen Cappuccino. Er erklärte uns, es gebe nur Macchiato – das Ergebnis sah dann allerdings ziemlich genau wie ein Cappuccino aus.

Weiter westlich ging der traditionelle Basar allmählich in einen Bereich mit Restaurants und Bars über. Da wir unseren Kaffee bereits getrunken hatten, liefen wir nur noch bis zum Ende der Straße, kehrten zum Auto zurück und nahmen die letzte Etappe nach Valbona in Angriff.
Über Qafë Morinë zurück nach Albanien
Hinter Gjakova wurde die Landschaft wieder ländlicher. Zunächst fuhren wir durch eine weite, sanft hügelige Gegend mit niedrigen Bäumen, trockenen Wiesen und dichtem Buschbewuchs. Sie unterschied sich deutlich von den steilen, grünen Bergtälern, die uns am Vormittag begleitet hatten.
Nach einem kurzen Anstieg erreichten wir den Grenzübergang Qafë Morinë. Er darf nicht mit dem größeren Grenzübergang Morinë bei Kukës verwechselt werden. Qafë Morinë verbindet Gjakova im Kosovo mit der Region Tropojë im Norden Albaniens und ist damit der passende Übergang für die Fahrt nach Bajram Curri und Valbona.
Ob es an der engen Verbindung zwischen den Kosovo-Albanern und Albanien, an einer gemeinsamen Abfertigung oder schlicht an diesem Samstagnachmittag lag, konnten wir nicht herausfinden. Jedenfalls war nur der kosovarische Schalter besetzt.
Vor uns wartete kein einziges Auto, sodass wir sofort an die Reihe kamen. Der zweite Schalter wirkte verlassen, und in einer der Scheiben war sogar ein großes Loch. Die gesamte Abfertigung dauerte nicht einmal eine Minute. Damit war Qafë Morinë der mit Abstand schnellste Grenzübertritt unserer bisherigen Reise – und wir waren wieder in Albanien.
Durch Tropojë ins Valbona-Tal
Auf der albanischen Seite blieb die Landschaft zunächst offen und hügelig. Kleine Dörfer, einzelne Gehöfte, Obstgärten und trockene Weideflächen lagen verstreut zwischen den bewaldeten Höhenzügen der Region Tropojë.
Über Bajram Curri näherten wir uns wieder den hohen Bergen. Die Stadt ist das regionale Zentrum und zugleich der letzte größere Ort vor dem Valbona-Tal. Hinter ihr wurde die Straße ruhiger, die Hänge rückten näher zusammen und in der Ferne erschienen wieder die schroffen Kalksteinspitzen der Albanischen Alpen.
Bei Shoshan verengt sich das Tal zu einer Schlucht. Die Straße überquert den Fluss und führt anschließend zwischen steilen Felswänden hindurch. Dahinter öffnet sich die Landschaft noch einmal, und der Blick folgt dem hellen Wasser der Valbona immer tiefer in die Berge hinein.

Je weiter wir ins Tal hineinfuhren, desto gewaltiger wurden die Berge. Helle Kiesflächen, das stellenweise türkis schimmernde Wasser, bewaldete Hänge und kahle Felszacken wechselten sich ab. Dazwischen lagen kleine Häuser, Pensionen und Wiesen. Nach den vielen Kilometern, dem Verkehr und den drei Grenzen fühlte sich die Fahrt durch das Valbona-Tal bereits wie das ruhige Ende eines langen Tages an.
Ein kühles Bier auf der anderen Seite des Rosengartens
Im Stonehouse angekommen, setzten wir uns erst einmal in den Garten. Zuvor hatte ich den jungen Mann von der Unterkunft gefragt, ob ich ein Bier bekommen könne. Er antwortete trocken mit „Nein“. Nach den vielen Moscheen, die wir unterwegs gesehen hatten, hielt ich die Antwort einen kurzen Moment lang sogar für ernst. Dann grinste er – zum Glück hatte er sich nur einen Scherz erlaubt, und wenig später stand das ersehnte kühle Bier vor mir.
Witzigerweise saßen wir nun gewissermaßen auf der Rückseite unseres „Rosengartens“. Damit hatten wir tatsächlich fast einen Kreis um das Bergmassiv gezogen.
Oben auf dem Grat lag noch die Abendsonne. Am Vorabend hatten wir das rötliche Licht von der anderen Seite aus in Lëpushë gesehen. Nun saßen wir im kühlen Schatten des Valbona-Tals, blickten auf dieselben Berge aus einer völlig neuen Richtung und genossen die Ruhe.
Nach einem leckeren Abendessen fielen wir gegen neun Uhr todmüde ins Bett und schliefen fast sofort ein. Wieder einmal hatten wir an einem einzigen Tag erstaunlich viel erlebt: drei Länder, drei Grenzen, zwei Schluchten, gefrorene Eier, kosovarischen Macchiato und zum Abschluss ein Bier im Garten von Valbona.



