
Nach einigen Tagen im Valle d’Itria hieß es heute Abschied nehmen. Und zwar gründlich: Unsere Route führte uns tatsächlich einmal quer über den italienischen Stiefel – von Apulien über Basilikata bis hinüber ans Tyrrhenische Meer. Bevor wir endgültig Richtung Westen abbogen, fehlte uns allerdings noch ein Ort im Valle d’Itria: Martina Franca.

Ein letzter Rundgang durch Martina Franca
Martina Franca zeigte noch einmal eine ganz andere Seite des Valle d’Itria. Statt kleiner weißer Gassen wie in Cisternino oder Locorotondo empfing uns hier eine richtige Stadt mit eleganten Plätzen, Barockfassaden und einer erstaunlich großzügigen Altstadt. Über die baumbestandene Piazza XX Settembre liefen wir auf die Porta Santo Stefano zu – eines der historischen Tore in die Altstadt.

Und da war er wieder: Andrea Roggi. Nachdem uns seine Lebensbäume bereits in Matera begegnet waren, stand auch in Martina Franca eine seiner unverkennbaren Bronzeskulpturen. Offenbar hatte sich der Künstler vorgenommen, uns auf dieser Reise zu begleiten.

Mitten in der Altstadt liegt die halbrunde Piazza Maria Immacolata. Ihr geschwungener Arkadengang lässt den Platz fast wie ein kleines Freilufttheater wirken. Früher wurde unter den Bögen Markt gehalten, heute stehen dort vor allem Tische und Stühle der Restaurants und Cafés.

Uns gefielen aber wieder einmal mindestens genauso sehr die kleinen Dinge am Rand. Feigen lagen zum Trocknen aus, Chilipflanzen wuchsen aus bunt bemalten Keramiktöpfen und vor einem Geschäft wurde gerade eine nicht gerade handliche Portion frisches Fleisch angeliefert. Dazwischen weiße Häuser, Dächer aus Stein und allerlei liebevolle Dekoration – das ganz normale Leben zwischen den barocken Palazzi.



Auf einen Teil der Altstadt hatte uns die Dame in der Touristeninformation ausdrücklich hingewiesen und uns sogar dorthin geschickt: das Quartiere La Lama. Das alte Volksviertel liegt etwas tiefer am Rand des historischen Zentrums und entstand bereits im Mittelalter in der Nähe der damaligen Stadtmauer. Statt der prächtigen Barockpaläste stehen hier kleine weiß gekalkte Häuser dicht an dicht, viele mit den für das Viertel typischen spitzen Satteldächern aus Stein. Dazwischen verlaufen schmale Gassen und Treppen, über denen immer wieder bepflanzte Balkone hängen. Genau dieser Kontrast macht La Lama besonders: Nur wenige Minuten von den repräsentativen Plätzen entfernt sieht Martina Franca plötzlich wieder fast wie ein kleines Dorf im Valle d’Itria aus.

Danach ließen wir uns noch einmal ohne großes Ziel durch die Gassen zurück zum Auto treiben. Auch dabei gab es immer wieder etwas zu entdecken: bepflanzte Hauseingänge, kleine Figuren und allerlei originelle Dekorationen, die den ohnehin hübschen Gassen noch etwas Persönliches gaben.

Taranto: Plötzlich Schwerindustrie
Von Martina Franca ging es hinunter Richtung Taranto – und damit änderte sich die Kulisse schlagartig. Zwischen dem ländlichen Valle d’Itria und einer der größten Industrielandschaften Italiens liegen nur wenige Kilometer.
Besonders eine gigantische Halle fiel uns auf. Bei unserer späteren Recherche stellte sich heraus, dass wir hier auf die Überdachungen der Rohstofflager des Stahlwerks von Taranto blickten. Darunter werden unter anderem Eisenerz und Kohle gelagert. Die enormen Konstruktionen wurden vor allem errichtet, um zu verhindern, dass der Wind den Staub der offenen Lagerflächen in die Umgebung trägt. Allein die Dimensionen erklären, warum uns das Bauwerk aus dem Auto so unwirklich groß vorkam: Die doppelte Stahlkonstruktion erreicht rund 80 Meter Höhe, 254 Meter Breite und 476 Meter Länge.

Über der riesigen Halle hing allerdings bereits eine ziemlich dunkle Wolke. Trotzdem fuhren wir mutig mit offenem Dach weiter. Die Straße war stellenweise schon nass, also musste es vor uns geregnet haben – und zunächst redeten wir uns ein, dass die Wolke wahrscheinlich längst weitergezogen sei. Diese Vermutung erwies sich ziemlich schnell als falsch.
Wir fuhren nämlich geradewegs hinein. Als die ersten dicken Tropfen kamen, blieb gerade noch genug Zeit, auf den Seitenstreifen zu fahren und das Dach des Mini zu schließen. Ein paar Tropfen hatten uns da schon erwischt, und Sekunden später kam das Wasser herunter wie aus Eimern. Auf der Straße sammelte es sich so schnell, dass ich bei unseren gerade einmal 14 Zentimetern Bodenfreiheit langsam Bedenken bekam, ob es irgendwann durch die Türen in den Mini laufen würde. Anhalten erschien allerdings auch nicht besonders sinnvoll – wir waren jetzt mittendrin und mussten irgendwie durch.
Unser eigentliches Ziel in Taranto war das Castello Aragonese. Also fuhren wir erst einmal weiter auf die Altstadtinsel und hofften, der Regen würde sich dort etwas beruhigen. Das Gegenteil war der Fall. Die Straßen standen inzwischen derart unter Wasser, dass wir zum Schloss vermutlich eher hätten schwimmen als laufen müssen. Damit war die Entscheidung gefallen: Wir blieben im Auto und betrachteten Taranto und das Castello eben durch die regennassen Scheiben.

Metaponto muss warten
Kurz hinter Taranto war der ganze Spuk schon wieder vorbei. Der Himmel klärte sich auf, das Dach konnte wieder auf – und fast genauso schnell wurde es wieder richtig heiß.
Eigentlich hatten wir noch einen weiteren Stopp eingeplant: Metaponto. Das antike Metapontion wurde in der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts vor Christus von griechischen Siedlern gegründet und entwickelte sich zu einer bedeutenden Stadt der Magna Graecia. Im heutigen archäologischen Park sind unter anderem die Reste mehrerer Tempel, des großen Heiligtums, der Agora und des antiken Stadtgrundrisses erhalten. In der Umgebung stehen mit den Tavole Palatine außerdem noch 15 Säulen eines dorischen Hera-Tempels.
Geschichtlich wäre das also durchaus einen Stopp wert gewesen. Aber inzwischen war es wieder so warm geworden, dass uns die Vorstellung, durch ein sonniges Ausgrabungsgelände zu laufen, nicht mehr besonders verlockend erschien. Und ehrlich gesagt zog uns an diesem Tag die Amalfiküste deutlich stärker an. Wir wollten lieber mehr Zeit wieder am Wasser verbringen – verbunden mit der Hoffnung, dass es dort vielleicht ein bisschen kühler sein würde.
Quer durch Basilikata
Also weiter. Hinter Taranto und Metaponto drehten wir endgültig nach Westen. Stundenlang führte die Straße quer durch das Innere Süditaliens. Von der schwarzen Regenwand war inzwischen nichts mehr zu sehen, und auf dem Weg Richtung Salerno lag wieder blauer Himmel über uns.

Hinter Salerno beginnt die Amalfiküste
Hinter Salerno erreichten wir schließlich wieder das Meer. Bei Vietri sul Mare beginnt für uns die berühmte Amalfiküste – und sofort wurde die Landschaft dramatischer. Die Berge fallen steil zum Meer ab, Straßen und Eisenbahn müssen sich ihren Platz zwischen Fels und Küste teilen.

Idyllisch ist natürlich relativ. Unten am Meer lagen die Liegen und Sonnenschirme so dicht nebeneinander, dass man sich über Platzmangel jedenfalls keine Gedanken mehr machen musste – es gab schlicht keinen. Ein „gemütlicher kleiner Badestrand“ nach italienischer Hochsaison-Definition.

Ein paar Kurven später sah es dann schon eher nach dem aus, was man sich unter der Amalfiküste vorstellt: tiefblaues Meer, grüne Hänge, Felsen und einzelne Häuser, die sich irgendwo an den Hang geklammert haben.

Amalfi am späten Nachmittag
Amalfi war auch am späten Nachmittag alles andere als leer. Am Hafen kamen und gingen die Ausflugsboote, auf den Stränden standen die Sonnenschirme in Reih und Glied und durch die wenigen Straßen schoben sich Besucher in Richtung Zentrum. Wirklich überraschen konnte uns das Mitte August allerdings nicht.

Mit dem Auto hatten wir dagegen erstaunliches Glück. In Amalfi hat man mit dem Parkhaus Luna Rossa kurzerhand einen mehrstöckigen Parkplatz in den Berg hineingebaut. Und tatsächlich fanden wir dort sofort einen freien Platz. Für schlappe sieben Euro pro Stunde. Am Ende standen 22 Euro auf dem Parkticket – dafür konnten wir den Mini einfach stehen lassen und ganz entspannt zu Fuß durch Amalfi laufen. An diesem Nachmittag war uns das den Amalfi-Aufschlag wert.

Und dann stand er schon wieder vor uns: Andrea Roggi. Diesmal mussten wir nicht einmal rätseln. Die Skulptur am Lungomare dei Cavalieri heißt Koi No Yokan – auf Deutsch ungefähr „Vorahnung der Liebe“. Der Lebensbaum wächst aus einer geöffneten Bronzekugel über dem Meer. Seit Juli 2026 gehört das Werk sogar dauerhaft zum öffentlichen Kunstbestand der Stadt Amalfi. Nach Matera und Martina Franca konnte man langsam wirklich von Verfolgung sprechen.

Nur wenige Schritte weiter öffnet sich die Piazza Duomo – und dort steht die Cattedrale di Sant’Andrea über ihrer breiten Treppe. Schwarz-weiße Fassadenteile, Mosaik, Arkaden und darüber der steile Berghang: Selbst mit den Menschenmassen davor ist das ein ziemlich beeindruckender Anblick.


Abendessen mit Amalfi-Aufschlag
Zum Abschluss gönnten wir uns ein Abendessen mit Blick aufs Meer. Die Lage war kaum zu schlagen und das Essen ebenfalls richtig gut. Bei Pasta, Wein und langsam untergehender Sonne konnte man für einen Moment sogar vergessen, wie voll Amalfi ein paar Meter weiter unten war.


Dass wir uns in einem der bekanntesten Touristenorte Italiens befanden, erinnerte uns spätestens die Rechnung wieder in aller Deutlichkeit daran: 193,20 Euro zeigte das Display. Immerhin war das Bezahlterminal der Summe angemessen dimensioniert.

Mit zunehmender Dunkelheit wurde Amalfi dann noch einmal richtig schön. Die Tagesgäste verschwanden langsam, am Hang gingen immer mehr Lichter an und die beleuchtete Küste spiegelte sich im Meer. Fast schade, dass wir noch weiter mussten.

Und unten liegt schon Pompeji
Unser Tag war damit allerdings noch nicht ganz beendet. Von der Küste ging es weiter Richtung Pompeji – erst wieder hinauf in die Berge und anschließend hinunter zu unserer Unterkunft. Es war inzwischen spät, als wir von oben auf das riesige Lichtermeer in der Ebene blickten. Irgendwo dort unten lag Pompeji – unser Ziel für den nächsten Morgen.

Bis wir schließlich unsere Unterkunft erreichten, war es schon kurz vor zehn Uhr. Dem Vermieter hatte ich angekündigt, dass wir spätestens gegen neun da sein würden. Während der Fahrt hatte ich allerdings nicht mehr aufs Handy geschaut – und deshalb auch seine Nachricht von 21:20 Uhr verpasst, in der er wissen wollte, wo wir blieben.
Als wir ankamen, war alles dunkel und an der Rezeption natürlich niemand mehr zu sehen. Also rief ich doch noch einmal die angegebene Telefonnummer an. Wenig später erschien ein netter, aber verständlicherweise ziemlich verschlafener älterer Herr, öffnete noch einmal die Rezeption, nahm unsere Daten auf und gab uns den Schlüssel. Damit war auch dieser Tag gerettet.
Viel mehr als ins Bett fallen war danach allerdings nicht mehr drin. Wir waren wieder einmal todmüde – und das war vielleicht auch ganz gut so, denn am nächsten Morgen wartete mit Pompeji bereits das nächste ausgedehnte Besichtigungsprogramm auf uns. Viel Laufen inklusive.
Ein ziemlich abwechslungsreicher Reisetag: morgens noch zwischen weißen Häusern und Barock im Valle d’Itria, mittags Schwerindustrie und Wolkenbruch in Taranto, anschließend quer durch Basilikata und am Abend zwischen Steilküste, Ausflugsbooten und gutem Essen in Amalfi. Mehr Kontrast lässt sich an einem Tag kaum unterbringen. Und am nächsten Morgen warteten bereits knapp 2.000 Jahre Geschichte auf uns.



