Über den Krraba-Pass und Kuçova nach Berat

Von Kruja über die alte SH3 am Krraba-Pass, Elbasans Stahlwerk, die Karstseen von Belsh und Kuçovas Ölfelder bis in die Burg von Berat.

Unsere Route von Kruja über Tirana, Elbasan, Belsh und Kuçova nach Berat
Von Kruja über Elbasan, Belsh und Kuçova nach Berat

Vor uns lag heute eine abwechslungsreiche Etappe: von Kruja über die alte Passstraße nach Elbasan, durch die Seenlandschaft von Belsh und die albanische Erdölstadt Kuçova bis nach Berat. Bevor wir uns auf den Weg machten, wollten wir uns aber noch ein wenig genauer ansehen, wie wohlhabende Familien in Albanien früher gelebt hatten.

Albanisches Frühstück mit Brot, Käse, Eiern und Beilagen in Kruja
Ein solider Start in den Tag

Nach einem ausgiebigen Frühstück liefen wir noch einmal hinauf in die Burg von Kruja. Unser Ziel war das Ethnografische Museum, das in einem traditionellen Wohnhaus der wohlhabenden Familie Toptani untergebracht ist. Das Haus wurde 1764 erbaut und ist schon für sich allein ein beeindruckendes Beispiel osmanisch-albanischer Wohnarchitektur.

Traditionelles albanisches Wohnhaus im Ethnografischen Museum von Kruja
Ein traditionelles Wohnhaus im Ethnografischen Museum von Kruja

Die verschiedenen Räume zeigen, wie sorgfältig das Leben innerhalb eines solchen Hauses organisiert war. Im unteren Bereich wurde gearbeitet, gelagert und gekocht, während sich in den oberen Stockwerken die Wohn- und Empfangsräume befanden. Werkzeuge, Textilien, Haushaltsgegenstände und Einrichtungen für unterschiedliche Handwerke vermitteln einen guten Eindruck davon, wie viel Arbeit notwendig war, um einen solchen Haushalt am Laufen zu halten.

Repräsentativer Wohnraum im Ethnografischen Museum von Kruja
Wer es sich leisten konnte, lebte durchaus komfortabel

Natürlich war dieses Leben nur für den wohlhabenderen Teil der Bevölkerung möglich. Die reich ausgestatteten Wohnräume mit geschnitztem Holz, Teppichen, niedrigen Sitzgelegenheiten und vielen kleinen Details zeigten deutlich, dass die Besitzer des Hauses nicht schlecht gelebt hatten. Gleichzeitig war fast jeder Winkel praktisch genutzt – Wohnen, Arbeiten, Vorratshaltung und die Bewirtung von Gästen gehörten eng zusammen.

Historische Anlage zum Brennen von Raki im Ethnografischen Museum von Kruja
Auch beim Raki verstand man sein Handwerk

Selbstverständlich durfte auch eine Anlage zum Brennen von Raki nicht fehlen. Manche Dinge ändern sich auf dem Balkan schließlich nur sehr langsam – und bei der Herstellung eines guten Schnapses vertraut man bis heute gerne auf bewährte Methoden.

Das Skanderbeg-Museum ließen wir diesmal aus. Wir hatten noch einige Stunden Fahrt vor uns und wollten nicht zu spät in Berat ankommen.

Souvenirs und Trödel im alten Basar von Kruja
Die Auswahl im Touristenbasar ist groß – wenig Handwerk, viel Trödel

Ein letztes Mal liefen wir durch den alten Basar und über das ausgesprochen rutschige Kopfsteinpflaster hinunter zu unserem Auto. Zwischen den vielen Souvenirs fanden sich zwar auch einzelne handgefertigte Stücke, der größte Teil des Angebots bestand aber aus den üblichen Waren, die vermutlich in fast jedem Touristenbasar des Landes verkauft werden.

Nachdem wir von Kruja wieder ins Tal gefahren waren, führte uns die erste Etappe durch die industriell geprägten Vororte von Tirana. Also wieder Dach zu, Klimaanlage an und vorsichtshalber auf Umluft gestellt. Nun galt es zunächst, Strecke zu machen und irgendwie an Tirana vorbeizukommen.

Es herrschte der übliche Montagmorgenverkehr rund um eine Großstadt. Die Fahrzeuge und die Umgebung sahen vielleicht etwas anders aus, das Verkehrschaos selbst hätte aber genauso gut in München, Rom oder Split stattfinden können.

Obwohl ich im Navi eingestellt hatte, dass Autobahnen vermieden werden sollten, wollte uns Google Maps hartnäckig auf die neue Schnellstraße führen. Wir mussten daher aufpassen, den Abzweig auf die alte Passstraße SH3 nicht zu verpassen. Den ersten erwischten wir natürlich trotzdem nicht, bei der nächsten Ausfahrt konnten wir aber mit einem kleinen Umweg auf die gewünschte Strecke wechseln.

Kaum hatten wir die dicht bebaute Ebene verlassen, wurde es wieder ruhiger. Die alte SH3 windet sich in zahlreichen Kurven über den Krraba-Pass, auf Albanisch Qafa e Krrabës, und verbindet Tirana mit dem Tal von Elbasan. Seit der Verkehr größtenteils durch den neuen Tunnel und über die Schnellstraße geleitet wird, hat die alte Passstraße viel von ihrer früheren Bedeutung verloren. Für uns war sie dafür umso interessanter.

An den aufgeschnittenen Hängen waren immer wieder deutlich geschichtete Gesteinsfolgen zu erkennen. Typisch für die Gegend sind Flyschablagerungen: ein Wechsel aus härteren Sandsteinschichten und feineren Ton- oder Mergellagen. Diese Sedimente wurden einst in einem Meeresbecken abgelagert und später bei der Gebirgsbildung angehoben, gefaltet und teilweise fast senkrecht gestellt. Die weicheren Schichten verwittern schneller, wodurch die Felsen stellenweise wie übereinandergestapelte Platten aussehen.

Leitplanke aus Beton und Naturstein an der alten Straße über den Krraba-Pass
Albanische Leitplanken – früher sogar mit kleinen Rundbögen

Auch die Leitplanken erzählten ihre eigene Geschichte. Früher wurde hier offenbar viel mit Beton und Naturstein gearbeitet, wobei die kleinen Rundbögen beinahe etwas Dekoratives hatten. Beschädigte Abschnitte werden heute dagegen mit gewöhnlichen Metallplanken ergänzt – zweckmäßig, aber deutlich weniger charmant.

Auf der Südseite des Passes öffnete sich schließlich der Blick auf die Ebene von Elbasan. Unübersehbar lag dort das riesige Metallurgische Kombinat bei Bradashesh. Der während der kommunistischen Zeit als „Stahl der Partei“ bezeichnete Industriekomplex entstand ab den 1960er-Jahren mit chinesischer Unterstützung und war eines der größten Industrieprojekte Albaniens.

Nach dem Ende des kommunistischen Systems wurden große Teile der Anlage stillgelegt. Einige Bereiche werden weiterhin industriell genutzt, andere Hallen, Schornsteine und Produktionsanlagen stehen verlassen in der Landschaft. Von oben wirkte das Gelände wie eine eigene Stadt – ein gewaltiges Denkmal für die damaligen Vorstellungen von Industrialisierung und Fortschritt.

Blick vom Krraba-Pass auf Elbasan und das Metallurgische Kombinat bei Bradashesh
Blick vom Krraba-Pass auf Elbasan und das alte Metallurgische Kombinat

Hinter Elbasan führte unsere Route weiter in die hügelige Landschaft von Dumre. Rund um Belsh liegen mehr als 80 Karstseen, die wie kleine blaue und grüne Flecken zwischen Olivenhainen, Feldern und sanften Hügeln verteilt sind.

Am Belshi-See legten wir einen kurzen Stopp für kühle Getränke und ein Eis ein. Das Eis war ausgesprochen lecker, die Stadt wirkte in der Mittagshitze allerdings beinahe ausgestorben. Die neu gestaltete Promenade sah zwar ordentlich aus, doch Beton und Naturstein hatten sich kräftig aufgeheizt. Damit war Belsh zumindest zu dieser Tageszeit keine echte Alternative zu unserem klimatisierten Auto.

Auf dem weiteren Weg nach Berat erreichten wir Kuçova, Albaniens Stadt des schwarzen Goldes. Bereits 1928 wurde hier eines der ersten bedeutenden Erdölfelder des Landes erschlossen. Aus dem kleinen Ort entwickelte sich eine Industriestadt, deren Leben über Jahrzehnte fast vollständig von der Förderung und Verarbeitung des Erdöls geprägt war.

Pumpjack zur Erdölförderung bei Kuçova in Albanien
Ölförderung vor Kuçova

Während der kommunistischen Zeit trug Kuçova sogar den Namen Qyteti Stalin – Stalinstadt. Noch heute stehen Pumpen, Rohrleitungen und kleine Förderanlagen zwischen Häusern, Feldern und Olivenbäumen. Manche wirken stillgelegt, andere scheinen weiterhin genutzt zu werden. In kaum einer anderen Stadt Albaniens liegen Industriegeschichte und normaler Alltag so unmittelbar nebeneinander.

Tanks, Abscheider und Rohrleitungen einer Erdöl-Sammelstation bei Kuçova
Eine kleine Sammel- und Aufbereitungsstation im Ölfeld von Kuçova

Die rostige Anlage am Straßenrand dürfte zu einer kleinen Sammel- und Aufbereitungsstation des Ölfeldes gehören. In solchen Behältern und Abscheidern werden das geförderte Öl, Wasser und Gas voneinander getrennt, bevor das Rohöl weitertransportiert oder zwischengelagert wird. Hightech sah anders aus – dafür vermittelte die Anlage einen ziemlich unverfälschten Eindruck davon, wie lange hier bereits Erdöl gefördert wird.

Alter Backsteinschornstein und Kühlturm des ehemaligen thermischen Kraftwerks von Kuçova
Schornstein und Kühlturm des ehemaligen thermischen Kraftwerks von Kuçova

Auch der hohe Backsteinschornstein und der alte Betonkühlturm gehören zur industriellen Vergangenheit Kuçovas. Sie sind Relikte des ehemaligen thermischen Kraftwerks, kurz TEC, das vor allem die Raffinerie und die Erdölindustrie mit Energie und Wärme versorgte. Zusammen mit den Förderpumpen, Tanks und Rohrleitungen wirkte Kuçova stellenweise wie ein großes Freilichtmuseum der albanischen Industriegeschichte – nur ohne Museumsschilder.

Traditionelles Wohnhaus in der Unterstadt von Berat
Ein Wohnhaus in der Unterstadt von Berat

In Berat angekommen, schlängelten wir uns zunächst durch die untere Stadt am Osum entlang. Dabei passierten wir die moderne Fußgänger-Hängebrücke Ura e Varur. Sie ist nicht mit der historischen steinernen Gorica-Brücke zu verwechseln, verbindet aber ebenfalls die beiden Seiten der Stadt und bietet einen schönen Blick auf den Fluss und die umliegenden Berge.

Fußgänger-Hängebrücke Ura e Varur über den Osum in Berat
Die Fußgänger-Hängebrücke Ura e Varur über den Osum

Wenig später tauchte ein monumentales weißes Gebäude mit Säulen und einer mächtigen Kuppel vor uns auf. Für einen kurzen Moment sah es aus, als hätte jemand das Kapitol oder das Weiße Haus nach Albanien versetzt. Tatsächlich handelt es sich um das Hotel Colombo, dessen ausgesprochen repräsentative Architektur in der ansonsten eher funktionalen Unterstadt kaum zu übersehen ist.

Kuppel und Säulenfassade des Hotel Colombo in Berat
Nicht das Weiße Haus, sondern das Hotel Colombo in Berat

Google Maps hatte anschließend vermutlich wieder einmal nicht den angenehmsten, dafür aber den kürzesten Weg ausgewählt. Hinter einer Kurve führte die Straße beinahe schnurgerade und ausgesprochen steil hinauf zur Einfahrt der Burg.

Da unser Apartment innerhalb der Burganlage lag, durften wir sogar mit dem Auto hineinfahren. Mein Name war an der Schranke hinterlegt, sodass die Durchfahrt überhaupt kein Problem war. Nach der steilen Auffahrt war es ein besonderes Gefühl, plötzlich mit dem Mini durch die engen Gassen einer noch immer bewohnten mittelalterlichen Festung zu rollen.

Völlig erschöpft von der Hitze erfrischten wir uns zunächst im Zimmer, duschten und ruhten uns ein wenig aus. Gegen 17:30 Uhr machten wir uns auf die Suche nach einer Bar und wurden nahe der Akropolis, dem oberen Bereich der Festung, fündig. Nach einigen kühlen Getränken und weiterer Erholung reichte unsere Energie immerhin noch für eine etwa einstündige Erkundungstour durch die Burg.

Blick in die historische Wasserzisterne der Burg von Berat
Blick in die große Zisterne der Burg von Berat

Wir sahen uns die Ruinen der Weißen Moschee, die rötlich leuchtende Holy Trinity Church von oben und die große historische Wasserzisterne an. Die Holy Trinity Church, auf Albanisch Kisha e Shën Triadhës, wurde im 13. oder 14. Jahrhundert errichtet und verbindet byzantinische Bauformen mit roten Ziegeln und Naturstein. Gerade durch diese roten Ziegel und das rötliche Dach fällt die Dreifaltigkeitskirche am Hang unterhalb der oberen Festung sofort ins Auge.

Auch die Zisterne machte deutlich, wie gut eine solche Festung auf längere Belagerungen vorbereitet sein musste. Innerhalb der Mauern liegen außerdem zahlreiche Kirchen, Wohnhäuser, kleine Geschäfte und Restaurants – die Burg von Berat ist keine leere Ruine, sondern bis heute ein bewohnter Stadtteil.

Dann trieb uns der Hunger zum Restaurant. Unsere Vermieterin hatte uns ein sehr gutes Lokal empfohlen, das eine albanische Probierplatte mit verschiedenen kleinen Gerichten anbot. Die bestellten wir natürlich. Der Kellner war ausgesprochen flexibel und stellte einen Teil der Platte vegetarisch zusammen, sodass wir beide eine gute Auswahl bekamen.

Abendlicher Blick über Berat und die umliegenden Berge
Abendstimmung in Berat

In den nun etwas kühleren Abendstunden drehten wir noch eine kleine Runde durch den unteren Teil der Stadt. Gegen 21 Uhr waren wir wieder in unserem Zimmer. Diesmal hatten wir uns eine Flasche Hauswein mitgenommen. Nach einem guten Schluck überkam uns allerdings erneut die Müdigkeit, und wenig später machten wir das Licht aus.

Damit endete ein Tag, an dem sich wieder einmal ganz unterschiedliche Seiten Albaniens gezeigt hatten: ein osmanisches Wohnhaus in Kruja, gefaltete Gesteinsschichten am Krraba-Pass, die Überreste sozialistischer Großindustrie, Pumpen zwischen Olivenbäumen und schließlich eine noch immer bewohnte Burg hoch über Berat.

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