Von Lëpushë über Vermosh bis zum Plavsee

Von Lëpushë über Vermosh bis zum Plavsee
SEO Beschreibung: Bergfrühstück und Hausschlachtung in Lëpushë, ein Bad im Bashkimi-Canyonund ein spontaner Abstecher über Gusinje bis zum Plavsee.

Karte der Route von Lëpushë über Vermosh, Gusinje und Plav
Von Lëpushë über Vermosh, Gusinje und Plav und wieder zurück

Heute bleiben wir noch eine zweite Nacht in der Pension Alpini und konnten es deshalb etwas ruhiger angehen lassen. Bis acht Uhr schliefen wir nach der langen Fahrt vom Vortag aus – bei herrlicher Ruhe, frischer Bergluft und ohne jeden Grund zur Eile. Frühstück gibt es bis neun Uhr, und spätestens als wir den Vorhang öffneten und die Berge vor unserem Fenster in der Morgensonne fast wie der Rosengarten in Südtirol leuchteten, hielt uns nichts mehr im Bett.

Albanisches Bergfrühstück in der Pension Alpini in Lëpushë
Hochalpines albanisches Frühstück

Zum Frühstück gab es eine große Kanne frisches Bergwasser und noch warme, frisch gemolkene Milch. Dazu kamen Eier, hausgemachter Käse, selbst gemachte Butter und Honig sowie Heidelbeer- und Erdbeermarmelade. Lediglich die Erdbeermarmelade stammte von einem befreundeten Nachbarn. Selbst das Brot war im Haus gebacken, und außerdem gab es kleine albanische Pfannkuchen. Viel regionaler und frischer kann ein Frühstück kaum sein.

Während des Frühstücks wunderte sich Angela darüber, dass ein Angestellter einen Schafbock am Hals über den Parkplatz zog. Kurz darauf sahen wir, dass das Tier mit Wasser abgespritzt und gewaschen wurde. Erst bei genauerem Hinsehen erkannten wir, dass es inzwischen getötet worden war und nun vor dem Zerlegen gereinigt wurde. Insgesamt wurden an diesem Morgen drei Schafböcke geschlachtet – als Vorbereitung auf das Wochenende, an dem die Pension vollständig ausgebucht sein wird.

Vorbereitungen für eine Hausschlachtung in der Pension Alpini
Hausschlachtung zum Frühstück

Für uns war eine solche Hausschlachtung zunächst ein ungewohnter und ziemlich unmittelbarer Anblick. Auf einem Bauernhof und in einer weitgehend selbstversorgenden Pension gehört sie jedoch zum realen Alltag. Die Tiere auf den umliegenden Wiesen, das Fleisch auf dem Teller und die Menschen, die es verarbeiten, sind hier noch sichtbar miteinander verbunden. Es geschieht nicht anonym hinter den Türen eines weit entfernten Schlachthofs.

Das mag für Besucher gewöhnungsbedürftig sein, ist aber auch ehrlich. Zur frisch gemolkenen Milch, zum selbst gemachten Käse und zum Honig aus den eigenen Bienenstöcken gehört eben auch, dass Fleisch nicht fertig portioniert aus einer Plastikverpackung kommt. So sieht das reale Leben auf einem Bauernhof aus – jedenfalls dort, wo diese Form der Selbstversorgung noch möglich ist.

Nach einem ausgedehnten Frühstück, einem zweiten Kaffee und noch etwas Zeit mit Blick auf unseren albanischen „Rosengarten“ brachen wir schließlich um 12.20 Uhr nach Vermosh auf. Das auf rund 1.100 Metern gelegene Dorf ist der nördlichste Ort Albaniens und zieht sich weit verstreut durch ein grünes Hochtal. Ringsum steigen die Berge der Albanischen Alpen auf, während der Fluss Vermosh durch das Tal fließt und wenig später die Grenze nach Montenegro überquert.

Handgeschriebener Ortsname Vermosh
Vermosh – handgeschrieben

Ein eigentliches Ziel fanden wir im Ort nicht. Das Touristenbüro wirkte ziemlich verwaist, vor einem Restaurant saßen einige Männer, und ansonsten begegneten wir kaum jemandem. Nur zwei Menschen wendeten auf einer Wiese das Heu noch ganz klassisch von Hand.

Heu wird auf einer Wiese in Vermosh von Hand gewendet
Heu wenden von Hand

Obwohl einige Häuser und Pensionen durchaus auf Gäste vorbereitet wirkten, war es an diesem sonnigen Hochsommertag erstaunlich still. Vielleicht waren wir einfach zur falschen Tageszeit dort. Dafür war das Tierleben umso reger. Neben Pferden begegneten uns diesmal sogar Schweine auf der Straße.

Schweine auf der Straße in Vermosh
In Vermosh gibt es auch Schweine auf der Straße

Am Wegesrand entdeckten wir einen Brunnen mit einer handgeschriebenen Inschrift:

Kush s’ka mik e pare,
Bukë e krevat jau siguroj,
Pa pare sa të jetoj,
Vasel Mitaj,
Ju respekton.

Brunnen mit einer Inschrift von Vasel Mitaj in Vermosh
Wasser und Gastfreundschaft für alle in Vermosh

Sinngemäß heißt das auf Deutsch:

Wer keinen Freund und kein Geld hat,
dem sichere ich Brot und ein Bett zu.
Kostenlos – solange ich lebe.
Vasel Mitaj
grüßt euch mit Respekt.

Die Inschrift drückt eine Form der Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft aus, die in diesen abgelegenen Bergregionen früher überlebenswichtig war: Wer arm ist, kein Geld besitzt oder niemanden kennt, soll trotzdem nicht ohne Wasser, Brot und einen Schlafplatz bleiben. Eine schöne Botschaft an einem einfachen Brunnen am Straßenrand.

Zum Glück hatte uns unsere Wirtin noch den Bashkimi-Canyon empfohlen, den wir von Vermosh aus bereits nach etwa 15 Minuten erreichten. Sein albanischer Name „Kanioni i Bashkimit“ bedeutet sinngemäß „Canyon der Vereinigung“, denn hier treffen die Flüsse Vermosh und Lëpushë aufeinander.

Kaltes klares Wasser im Bashkimi-Canyon bei Vermosh
Der Canyon vereint die Flüsse Vermosh und Lëpushë – und ist kalt

Als wir ankamen, planschte dort gerade eine Familie mit zwei Kindern im glasklaren, aber eiskalten Wasser. Angela traute sich nicht hinein. Ich zog mir dagegen doch noch die Badehose an und tauchte zweimal vollständig unter. Sehr lange hielt allerdings auch ich es nicht aus. Anschließend machten wir es uns im Schatten gemütlich und aßen das Obst, das wir mitgebracht hatten.

Als es nach und nach immer voller wurde und die Idylle langsam verloren ging, überlegten wir, was wir als Nächstes unternehmen könnten. Es war schließlich gerade einmal 13.30 Uhr und der Nachmittag noch lang. Für eine größere Wanderung war es inzwischen zu heiß, zum Nichtstun blieb dagegen fast zu viel Zeit.

Unsere Wirtin hatte uns am Morgen außerdem den Plavsee in Montenegro empfohlen. Eigentlich hatten wir den zusätzlichen Grenzübertritt vermeiden wollen, aber da wir nun schon so nah waren, entschieden wir uns spontan für den Abstecher. Innerhalb von etwa 15 Minuten waren die Grenzformalitäten erledigt.

Nun verstanden wir auch besser, warum es in Lëpushë und Vermosh kaum Geschäfte, Tankstellen, Banken oder Geldautomaten gibt. Während der osmanischen Zeit verlief hier noch keine moderne Staatsgrenze. Gusinje war ein regionaler Handelsort und lag an den Verbindungswegen aus den Kelmend-Tälern. Der Weg dorthin ist kurz und vergleichsweise einfach, während die Verbindung in Richtung Shkodra über die Berge führt.

Nach den Balkankriegen und der Gründung Albaniens im Jahr 1913 entstand hier eine neue Staatsgrenze. Ihr genauer Verlauf im Gebiet von Vermosh blieb allerdings noch bis in die 1920er-Jahre umstritten. Am Ende lagen Vermosh und Lëpushë auf albanischer Seite, Gusinje und Plav dagegen auf der anderen Seite der Grenze. Damit wurde aus einer alten Verbindung zwischen benachbarten Tälern plötzlich ein internationaler Grenzweg.

Ab 1948 war diese alte Verbindung vollständig unterbrochen. Die Grenze zwischen dem kommunistischen Albanien und Jugoslawien wurde streng bewacht, und die Orte im äußersten Norden Albaniens lagen nicht nur am Ende einer langen Bergstraße, sondern zugleich in einer politisch besonders sensiblen Grenzregion. Kontakte, Handel und selbst der kurze Weg zum nächsten größeren Ort waren über Jahrzehnte nahezu unmöglich.

Erst im Sommer 2003 wurde der Grenzübergang Vermosh–Grnčar wieder geöffnet. Für die Menschen aus Vermosh ist Gusinje damit erneut der nächstgelegene Versorgungsort. Dort gibt es Tankstellen, Geschäfte, Banken und Geldautomaten – all die Dinge, die wir in Lëpushë und Vermosh vergeblich gesucht hatten. Unsere spontane Fahrt über die Grenze war für uns nur ein kleiner Ausflug, für die Bewohner des Tals ist diese Verbindung dagegen ein wichtiger Teil des Alltags.

Auf montenegrinischer Seite fuhren wir zunächst nach Gusinje und von dort weiter zu den Ali-Pascha-Quellen. Am Fuß des Prokletije-Gebirges tritt das Wasser hier an zahlreichen Stellen direkt aus dem Boden. Die vielen kleinen Karstquellen vereinigen sich zu Wasserläufen, die schließlich in Richtung Plavsee weiterfließen.

Benannt sind die Quellen nach Ali Pascha Gusinjski, einem einflussreichen albanischen Politiker und Militärführer aus der Region im 19. Jahrhundert. Heute gehören die Quellen zu den bekanntesten Ausflugszielen rund um Gusinje. Zwischen den Quelltöpfen, kleinen Wasserläufen und saftigen Wiesen entsteht eine ruhige, fast verwunschene Landschaft.

Ali-Pascha-Quellen bei Gusinje in Montenegro
Die Ali-Pascha-Quellen bei Gusinje

Uns fiel auf, dass in Gusinje und rund um die Quellen erstaunlich viele Fahrzeuge mit amerikanischen oder kanadischen Kennzeichen unterwegs waren. Das ist jedoch kein Zufall. Aus Gusinje und Plav sind über viele Jahrzehnte hinweg sehr viele Menschen ausgewandert, besonders in die USA. Entsprechend groß ist die Diaspora, die weiterhin eng mit der alten Heimat verbunden ist.

Im Sommer kehren viele Familien für einige Wochen zurück. Einen besonderen Höhepunkt bildet traditionell der 2. August, wenn sich an den Ali-Pascha-Quellen Einheimische und Heimkehrer zu einem großen Fest treffen. In diesem Jahr beginnen an diesem Tag außerdem die „Dani dijaspore“, die Diaspora-Tage, die vom 2. bis zum 7. August in Gusinje, Plav und Berane stattfinden. Wir waren also nur zwei Tage vor einem der wichtigsten Treffen des Sommers dort.

Manche Heimkehrer haben sich in der Region große Häuser gebaut, die uns mit ihren Säulen, Balkonen und ausladenden Fassaden ein wenig an amerikanische Vorstadthäuser erinnerten. Viele davon werden vermutlich nur während einiger Wochen im Sommer bewohnt. Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten – über die Verbundenheit mit der alten Heimat dagegen kaum.

Ob all die Fahrzeuge mit ihren nordamerikanischen Kennzeichen tatsächlich jedes Jahr über den Atlantik transportiert werden, konnten wir uns allerdings nur schwer vorstellen. Dafür erschienen uns die Logistik und die Kosten viel zu aufwendig. Wahrscheinlicher ist, dass zumindest einige von ihnen einmal nach Montenegro verschifft wurden und seitdem dort bei Verwandten oder in den eigenen Häusern auf den nächsten Sommer warten. Wie das genau mit Zulassung, Versicherung und Einfuhr geregelt wird, wissen wir allerdings nicht. Unsere weitergehenden Theorien blieben daher genau das: Theorien.

Eigentlich wollten wir uns anschließend noch einmal im Plavsee abkühlen. Als wir den Steg erreichten, war es dort jedoch ziemlich voll. Außerdem gab es kaum Schatten und nur den vollständig in der Sonne liegenden Steg. Deshalb verzichteten wir auf das Schwimmen und drehten stattdessen noch eine Runde um den See – in der Hoffnung, irgendwo eine kleine Promenade, ein Café oder wenigstens einen schattigen Platz für ein kaltes Getränk zu finden.

So etwas scheint es am See jedoch nicht zu geben. Schließlich landeten wir in einem etwas höher gelegenen Restaurant, in dem ich ein Bier trank. Angela hätte gern einen Cappuccino bestellt, doch die Kaffeemaschine war kaputt und eine Alternative konnte oder wollte man ihr nicht anbieten.

Als am Morgen in unserer Pension der Strom ausgefallen war, hatte unsere Bedienung noch ganz selbstverständlich vorgeschlagen, den Mokka einfach nach türkischer Art auf dem Feuer zuzubereiten. Diese albanische Improvisationsfreude fehlte in dem Restaurant, das ein wenig den Charme eines alten jugoslawischen Ferienbetriebs ausstrahlte, leider vollständig.

Um 16.30 Uhr machten wir uns auf den Rückweg. Auch diesmal verlief der Grenzübertritt grundsätzlich schnell. Lediglich die drei Motorradfahrer vor uns wurden sehr gründlich kontrolliert, sodass es schließlich doch etwas länger dauerte als auf der Hinfahrt. Kaum waren wir wieder in Albanien, standen natürlich auch schon die obligatorischen Kühe auf der Straße.

Kühe auf der Straße bei Lëpushë in Albanien
Und wie immer: Kühe auf der Straße

Als wir schließlich wieder zu unserer Pension abbogen, entdeckten wir auch, woher der köstliche Honig vom Frühstück stammt. Am Rand des Grundstücks stehen die Bienenstöcke unserer Gastgeber – nur wenige Meter von den blühenden Wiesen und saftigen Weiden entfernt.

Bienenstöcke der Gastgeber der Pension Alpini
Die Bienenstöcke unserer Gastgeber

Nach einer kurzen Erfrischung in der Pension brachen wir noch zu einer etwa einstündigen Wanderung zu einem Wasserfall auf. Zunächst dachten wir, wir hätten uns verlaufen, weil der Weg an einem verschlossenen Tor endete. Dann verstanden wir jedoch den Sinn der etwas merkwürdig wirkenden Leiter, an der wir wenige Meter zuvor vorbeigekommen waren. Menschen können darüberklettern, die Schafe bleiben dagegen auf ihrer Weide.

Überstieg an einem Weidezaun bei Lëpushë
Damit die vierbeinigen Schafe nicht herauskommen

Am Wasserfall machten wir das obligatorische Foto und drehten dann auch schon wieder um. Es wurde langsam frisch, und auch der Hunger trieb uns zurück zur Pension. Außerdem hatten wir angekündigt, um 19 Uhr essen zu wollen. Ganz so genau wird die Zeit hier allerdings ohnehin nicht genommen.

Wasserfall bei Lëpushë unweit der Pension Alpini
Der Wasserfall – rund 30 Minuten von der Pension Alpini entfernt

Auf dem Rückweg konnten wir die Pension schließlich auch einmal von der anderen Seite des Tals sehen – eingebettet zwischen Wiesen, Wäldern und den umliegenden Bergen, mit dem Fluss Lëpushë im Vordergrund.

Pension Alpini bei Lëpushë vom Tal aus gesehen
Die Pension Alpini vom Tal aus betrachtet

Zum Abendessen gab es hausgemachte, diesmal kräftig gewürzte Pommes frites, gekochtes Gemüse und einen frischen Salat. Für mich kam außerdem Lamm aus dem Backofen auf den Tisch. Alles war erneut sehr lecker und schmackhaft und wurde mit dem roten Hauswein abgerundet.

So endete auch unser zweiter Tag in Albanien – voller neuer Eindrücke und Erkenntnisse, spontaner Entscheidungen und mit der angenehmen Müdigkeit nach einem langen Tag in den Bergen.

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